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»Die Relevanz von Finanzbildung wird übersehen«

Finanzbildung Union Investment
Union Investment

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Finanzbildung hat großen Einfluss auf den Wohlstand der Gesellschaft. Die Geno-Graph-Redaktion sprach mit Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, darüber, was das bedeutet und was getan werden kann.

Herr Reinke, wieso rücken Sie das Thema Finanzbildung in den Fokus?

Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment
Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, bei der Finanzbildungskonferenz.

Die finanzielle Bildung in der Bevölkerung zu fördern, ist ein wichtiges Ziel und gleichzeitig eine gesellschaftspolitische Herausforderung mit großem Einfluss auf den Wohlstand in unserem Land. Die gesellschaftlichen Interessengruppen müssen enger zusammenarbeiten, um eine bessere ökonomische Grundbildung der Deutschen zu erreichen und um sie auf diese Weise mittel- und langfristig vor weiterem finanziellen Schaden zu bewahren. Der Kampf gegen Überschuldung oder gegen Vermögensverluste durch nicht zeitgemäße Anlageentscheidungen werden zu wenig thematisiert.

Können Sie das Stichwort „finanzieller Schaden“ konkretisieren?

Die Auswirkungen falscher Entscheidungen beim Sparen oder beim Konsum sind enorm. Sieben Millionen Menschen gelten laut Creditreform als überschuldet, davon sind 14 Prozent unter 30 Jahre alt. Aber auch auf der Habenseite gibt es ernüchternde Zahlen. Das Geldvermögen der deutschen Sparer wäre von 1999 bis zum vergangenen Jahr um fast die Hälfte stärker gewachsen, wenn die Ersparnisse besser diversifiziert worden wären. Den Anlegern sind 344 Milliarden Euro an Zinsen entgangen. Die Relevanz von Finanzbildung wird übersehen und kostet viel Geld – Geld das der Gesellschaft dann an anderen Stellen fehlt, zum Beispiel für Altersvorsorge, Pflege und Gesundheit. Für Union Investment ist es zudem eine Herzensangelegenheit, das Thema Finanzbildung sehr präsent zu platzieren, denn wir sind Treuhänder für die Ersparnisse von 4,3 Millionen Kunden, die aus der Mitte eben genau dieser Gesellschaft kommen.

Wie sind Sie das Thema angegangen?

Wir haben uns vor allem intensiv mit dem „wie“ auseinandergesetzt. Also: Wie kann man das Wissen beim Thema Finanzen verbessern? Welche Lösungsansätze gibt es? Welche Form des Dialogs oder der Diskussion mit den gesellschaftlichen Gruppen bringt uns weiter? Darüber hinaus war es uns wichtig, alle Stakeholder an einen Tisch zu bringen, um das Thema ganzheitlich zu betrachten. Ende des vergangenen Jahres haben wir daher einen Workshop mit Experten durchgeführt. Sie diskutierten in diesem Rahmen viele Ideen. Auch wenn das Thema sehr komplex ist und viele Facetten hat, konnten zahlreiche Lösungsansätze angedacht und weiterentwickelt werden. Im Ergebnis ergaben sich aus dem Workshop zehn Punkte zur Verbesserung der Finanzbildung in Deutschland, die wir auch in einem Booklet dokumentiert haben.

Wie ging es weiter?

Finanzbildung Konferenz Union Investment
Unter der Überschrift „#ideenreich – wie Volksbanken Raiffeisenbanken Finanzwissen teilen“ berichteten Vertreter von Genossenschaftsbanken über ihre erfolgreichen Projekte zur Vermittlung von Finanzwissen, unter ihnen auch Anna Held von der Volksbank Bruchsal-Bretten eG (dritte von rechts).

Als weiteren Schritt hat im Mai in Berlin eine große Konferenz unter der Überschrift „Finanzbildung – im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ stattgefunden. In informativen Gesprächsrunden waren Experten auf der Suche nach Antworten auf Fragen wie: Wer sollte bei der Vermittlung von Finanzwissen die Verantwortung haben und auch wahrnehmen? Braucht es ein eigenes Schulfach oder reichen bestehende Lehrpläne? Woran liegt es, dass chancenreichere Investments bei den Deutschen nach wie vor auf große Vorbehalte stoßen? Sind es schlechte Erfahrungen, die Sparer machen mussten? Oder fehlen grundlegende Kenntnisse über das Thema Geld, Geldanlage und Sparen?

Welche Erkenntnisse gab es bei der Konferenz?

Unsere Referenten haben wichtige Punkte angesprochen und durchaus auch kontrovers diskutiert. Es war ein spannender Tag mit vielen Denkanstößen, abgerundet durch eine unterhaltsame Talkrunde mit den beiden ehemaligen Profisportlern Sebastian Kehl und Dieter Thoma. In seiner Keynote betonte Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister a. D., die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Er hält es für ein zentrales Problem, dass das Wissen über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge in Deutschland unterentwickelt ist, wies aber darauf hin, dass der Staat die Möglichkeit habe, über Veränderungen beim Bildungssystem dafür sorgen, dass durch mehr Wissen die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen gestärkt wird.

Auch Wissenschaftler und Vertreter von Genossenschaftsbanken haben sich geäußert.

Ja, das ist richtig. Vertreter der Wissenschaft betonten auf unserer Konferenz, dass eine systematische ökonomische Grundbildung Menschen stark macht. Einer von ihnen war Professor Volker Bank, Wirtschaftspädagoge an der TU Chemnitz. Er meint, selbst wo ökonomische Bildung als Fach oder Kombinationsfach eingeführt ist, so wie hier in Baden-Württemberg, sind die privaten Finanzen kaum Thema. Dabei sollten Schüler verstehen lernen, worauf es finanziell ankommt. Von vier Genossenschaftsbanken haben wir tolle Beispiele aus der Praxis gehört.

Auf was sollten Banken achten, wenn sie ein Projekt zur Finanzbildung umsetzen möchten?

Gute Projekte zur finanziellen Bildung überzeugen durch ihren Praxisbezug und ihre Anschlussfähigkeit, denn dann entfalten sie eine Breitenwirkung. Dafür haben wir in der genossenschaftlichen Finanzgruppe viele erfolgreiche Beispiele.

Wie lautet Ihr Fazit nach der Finanzbildungskonferenz?

Wir haben unser Ziel, einen übergreifenden Austausch zu erreichen und für mehr Transparenz auf diesem Themenfeld zu sorgen auf jeden Fall erreicht. Mitnehmen können wir – und vor allem auch unsere rund 120 Konferenzteilnehmer – viele Denkanstöße und Ideen. Jetzt müssen wir prüfen, wie es in diesem Netzwerk weitergeht.

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