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Wirtschaft vor Ort

Bauklötze im Kindergarten
Fotolia

Genossenschaften befinden sich im Aufwind. In den vergangenen zehn Jahren sind unter dem Dach des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands rund 250 neue Genossenschaften allein in Baden-Württemberg entstanden. Die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft (eG) wird dabei insbesondere von neuen Branchen und Zukunftsmärkten genutzt. Zahlreiche Neugründungen im Bereich regenerativer Energien, innerhalb des Pflege- und Gesundheitssektors, im Bildungsbereich oder zur Sicherstellung einer lebendigen Dorfstruktur sind gelebtes Zeichen dafür, wie sehr die Genossenschaft auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Genossenschaften verfügen über Eigenschaften, die sie sehr flexibel und praxisorientiert auf Umbrüche und neue Herausforderungen reagieren lassen. Angesichts rascher Veränderungszyklen in Wirtschaft und Gesellschaft ist dies heute und in der Zukunft von entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig bieten Sie auch Beständigkeit durch einen rechtlichen Rahmen, in dem nachhaltig Ziele erreicht werden können. Es gibt noch viele ungenutzte Reserven, in denen das Mitwirkungspotenzial von Bürgern und lokalen Unternehmern für den Erhalt oder den Ausbau von Infrastruktur nicht voll ausgeschöpft wird. Manchmal liegen genossenschaftliche Lösungen näher als gedacht, aber es fehlt der entscheidende Anstoß, die zündende Idee oder die treibende Person vor Ort. Letztlich ist das Zusammenspiel von Bürgern, Kommune und der Wirtschaft vor Ort ausschlaggebend, um Probleme gemeinsam erfolgreich zu lösen.

Diese Seite soll einen Überblick zu genossenschaftlichen Lösungen in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Quartiersentwicklung, Bildung, Energie und Mobilität geben. Und gleichzeitig Denkanstöße und Impulse setzen mit der übergeordneten Frage, wie sich gemeinsam mehr erreichen lässt.

Broschüre
Zukunft gemeinsam gestalten - eingetragene Genossenschaften (eG) in der Wirtschaft vor Ort

(zweite erweiterte Auflage)

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Film:

„Die Dividende der Genossenschaft ist ein Stück Heimat“, so fasst Christian Skrodzki, Mitbegründer der Leutkircher Bürgerbahnhof eG, den Reiz der Unternehmensform für ihre Mitglieder zusammen. Und dieser Satz lässt sich auf alle der insgesamt sieben im Film vorgestellten Genossenschaften anwenden. Vom Hallenbad über E-Mobilität, eine Kreativgenossenschaft, Pflegedienstleistern und kulturellen Einrichtungen bis zu Elektrizitätserzeugern: die Vielfalt ist ebenso ein Markenzeichen der Genossenschaften wie der Wunsch, Menschen zu beteiligen, als Bürger selbst aktiv zu werden und Verbundenheit zur Heimat zu leben.

Weitere Filme finden Sie hier.

GESUNDHEITSVERSORGUNG

Derzeit gibt es in Baden-Württemberg gut 7.000 Hausärzte. Ein Hausarzt muss sich damit um knapp 1.500 Einwohner kümmern. Der Anteil der über 60-jährigen Hausärzte beträgt 35 Prozent. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) geht davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren 1.600 Hausärzte in den Ruhestand gehen werden. Dem stehen nur 1.000 bis 1.200 nachrückende Mediziner gegenüber. Schon heute gibt es in rund 170 Gemeinden in unserem Bundesland keinen niedergelassenen Hausarzt mehr. In weiteren rund 200 Städten und Gemeinden beträgt der Versorgungsgrad unter Berücksichtigung aller Hausärzte weniger als 75 Prozent. Gemeinsam mit Partnern hat der BWGV unterschiedliche Modelle entwickelt, diesen zukünftigen Defiziten bereits jetzt entgegen zu wirken.

Gesundheitsgenossenschaften - Basismodelle

Hausärztliche Versorgung

Praxisräume:
Kommunen und Bürger finanzieren und betreiben vor Ort Praxisräumlichkeiten, die von ÄrztInnen in Voll- oder Teilzeit genutzt werden können. Denkbar sind hier auch mehrere ÄrztInnen, die sich den Dienst teilen. Dies kommt besonders jungen MedizinerInnen entgegen, die Familie und Beruf in besseren Einklang bringen möchten.

Praxisgenossenschaften:
Dieses Modell ermöglicht jungen ÄrztInnen, Teilzeit-ÄrztInnen, ÄrztInnen in Elternzeit die Teilung der Praxisverantwortlichkeiten, Sprechzeiten und Bürokratie, Angestelltenverhältnisse sowie den Austausch mit KollegInnen. Dies ist eine Alternative zu bisherigen Praxisgemeinschaften und Praxismodellen.

Notarztversorgung

Mobile Praxen oder mobile ärztliche Notdienste:
Die angefahrenen Kommunen und deren Bürger sind Mitglieder der Genossenschaft, finanzieren die notwendige Ausstattung und koordinieren deren Einsatz.

Kooperationsmodell mit Gemeindetag und Hausärzteverband

Um jungen Ärzten einen Einstieg in die ambulante Versorgung über eine Anstellung zu ermöglichen, hat der BWGV in Kooperation mit dem Gemeindetag genossenschaftliche Modelle entwickelt.

 

Kooperationen für die Gesundheitsversorgung: Statement von Johannes Fechner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg

 

MOBILITÄT

Nachhaltige Mobilität ist für die Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur in allen Verkehrsbereichen von großer Bedeutung. Die Anforderungen an die Infrastruktur unterscheiden sich dabei stark zwischen  städtischen und ländlichen Regionen. Die Anpassung an neue Nutzungsformen in der Stadt und die Aufrechterhaltung von Infrastrukturen, auch in siedlungsschwachen Regionen, ist eine zunehmende Herausforderung für Kommunen. Dauerhafte, bezahlbare und umweltverträgliche Infrastrukturen für den öffentlichen und privaten Personenverkehr zu gewährleisten ist dabei eine komplexe Aufgabe. Hierbei  können folgende genossenschaftliche Modelle beispielhaft sein:

Elektromobilität (Ladeinfrastruktur und Betrieb)

Im Rahmen eines genossenschaftlichen Unternehmens ist die Nutzung von Elektrofahrzeugen und die Bereitstellung der Ladeinfrastruktur realisierbar. Genossenschaftsmitglieder sind dabei gleichzeitig Finanzierer in der Aufbauphase und Nutzer der Fahrzeuge.

Bürgerbusse

Aufbauend auf der Beteiligung interessierter BürgerInnen ist der genossenschaftliche Betrieb einer Busverbindung eine tragfähige Ergänzung im Personennahverkehr. Als Mitglieder der Genossenschaft sind BürgerInnen Kunden der Bürgerbusse und wirken an der bedarfsgerechten Planung mit.

Sharing-Modelle

Bike-Sharing, Ride-Sharing, Car-Sharing – Die organisierte gemeinschaftliche Nutzung mehrerer Automobile oder Fahrräder wird als genossenschaftliches Unternehmen angeboten. Der gemeinsame Betrieb und die geteilte Nutzung der Fahrzeuge ist sowohl in ländlichen als auch in städtischen Regionen im Rahmen einer Genossenschaft ein tragfähiges Modell.

 

"Zukunftsorientiert in den Regionen aufstellen" - das Beispiel der EMA eMobilität für alle eG:

 

WOHNEN PLUS

Der demografische Wandel bringt weitreichende Veränderungen für Kommunen und deren Versorgungsstrukturen mit sich. Zugleich besteht der Wunsch von Familien, die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben zu verbessern. Dies zeigt sich in allen Lebensphasen und Lebenslagen. In diesem wichtigen Aufgabenfeld hat die wohnortnahe und familienfreundliche Infrastruktur eine Schlüsselfunktion. Vor dem Hintergrund der vielfältigen Lebenssituationen und individuellen Ansprüche sind oftmals alternative Versorgungsstrukturen erforderlich. Genossenschaften bieten dafür tragfähige Lösungsansätze. Modelle im Bereiche Pflege, Betreuung und Nahversorgung  sind in diesem Bereich beispielhaft.

Genossenschaftlich organisierte (betriebliche) Kinderbetreuung

Durch den Zusammenschluss mehrerer Unternehmen in eine Genossenschaft ist es möglich, gemeinsam mit der Kommune und bestehenden Betreuungseinrichtungen eine Lösung zu finden.

Haushaltsnahe Dienstleistungen und Pflege

Über eine Genossenschaft lassen sich häusliche Betreuungs- und Versorgungsmöglichkeiten organisieren. Dieses Angebot könnte auch für die Betreuung von erkrankten Familienangehörigen oder für hilfsbedürftige Senioren ausgeweitet werden.

Wohn- und Betreuungseinrichtungen für Senioren

Die genossenschaftlich organisierte stationäre Pflege bietet den Bewohnern als Genossenschaftsmitglieder wesentliche Mitbestimmungsmöglichkeiten und Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Einrichtung.

Nahversorgung und kulturelle Einrichtung

Die wohnortnahe Versorgung mit Dienstleistungen von  öffentlichem Interesse wird künftig vor allem eine Herausforderung in den ländlich geprägten Regionen Baden-Württembergs. Bei der Bewältigung von Versorgungslücken haben Genossenschaften pilothafte Erfolge erzielt und Angebote für die entsprechenden Lebenslagen und Bedarfe entwickelt. Dorfläden, Kulturgenossenschaften und Gasthäuser sind nur beispielhaft für eine große Vielfalt an genossenschaftlichen Unternehmen zur Sicherung der Attraktivität ländlicher Regionen.

 

"Wir wollten Menschen zusammenführen, die sich gegenseitig helfen" - das Beispiel der BürgerSozialGenossenschaft Biberach eG:

 

"Getragen von mehr als einem unternehmerischen Interesse" - das Beispiel der WoGA Pfullendorf eG:

 

ENERGIE UND ENERGIE-EFFIZIENZ

Die Genossenschaften setzen vor Ort die Energiewende mit konkreten Projekten um. Schwerpunkte sind bisher noch Projekte im Bereich Solarenergie. Aber auch Nahwärmenetze, Blockheizkraftwerke oder Effizienzprojekte gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Energiegenossenschaften in Baden-Württemberg haben in den vergangenen Jahren eine beachtliche Leistung in der Entwicklung von Geschäftsmodellen zur Integration von Strom aus erneuerbaren Energien in den bestehenden Energiemarkt erbracht. Dabei spielt vor allem die regionale Vermarktung von Strom und Wärme eine herausragende Rolle für die dezentralen Akteure. Gleichzeitig bieten Energiegenossenschaften die Möglichkeit, besondere Bereiche mit Synergiepotenzial – wie etwa den Breitbandausbau – mit voranzutreiben.

Kommunale Nahwärmenetze

Durch die Nutzung eigener Abwärme oder in Kooperation mit anderen Wärmeproduzenten können Kommunen ein Nahwärmenetz für BürgerInnen und ebenso für eigene Liegenschaften initiieren und anbieten.

Windkraftanlagen

Kommunale Flächen können als Standorte für Windkraftanlagen genutzt werden oder Kommunen sich finanziell an einer Windkraftanlage beteiligen.

Genossenschaftliches Contracting

Kommunen können auf Genossenschaften zurückgreifen, um im Rahmen von Contracting-Modellen eine dezentrale Energieversorgung kostengünstig zu erzielen. Als Contracting-Nehmer kann eine Energieversorgung von Gebäuden mit Wärme und Energie z. B. durch Blockheizkraftwerke ohne Anschaffungskosten erfolgen.

Bürgersolaranlagen

Gemeinsam produzieren und nutzen mehrere BürgerInnen Solarstrom. Kommunen beteiligen sich hierbei durch die Bereitstellung von Dachflächen und/oder als Mitglied der Genossenschaft.

Beispiele für Synergien: Breitbandausbau durch Energiegenossenschaften in Baden-Württemberg

Infrastrukturmaßnahmen in Kommunen werden immer komplexer. Daher lohnt es sich nach Verknüpfungspunkten zwischen einzelnen notwendigen Infrastrukturprojekten zu suchen und Synergiepotenzial zu heben. Der Ausbau von Nahwärmenetzen lässt sich besonders gut mit dem Breitbandausbau verknüpfen. Einige Pioniergenossenschaften in Baden-Württemberg machen es vor:

  • WeilerWärme eG: Glasfaserkabelausbau, Zusammenarbeit mit der örtlichen Kommune, Zusammenarbeit und Synergien nach dem Vorbild der Bürgerwerke.
  • Energiegenossenschaft Gussenstadt eG: Die eG hat im Zuge der Nahwärmeversorgung das Glasfasernetz ausgebaut. Dieses wird zum Betrieb an Netcom BW vermietet.

 

"Der genossenschaftliche Gründergeist: Hilfe zur Selbsthilfe" - das Beispiel der Alb-Elektrizitätswerk Geislingen-Steige eG:

 

BILDUNG

Um jedem Menschen einen gerechten Zugang zu unterschiedlichen Bildungsoptionen zu gewähren, müssen gleiche Voraussetzungen und Möglichkeiten in allen Regionen des Landes geschaffen werden. Genossenschaften leisten dabei bereits jetzt einen wertvollen Beitrag, dieses Anliegen im Sinne einer fairen Bildungspolitik zu verwirklichen. Kooperationen in der schulischen und beruflichen Bildung ermöglichen dabei auch Angebote für spezifische Bedarfe, um diese tragfähig zu gestalten. Ebenso ermöglichen genossenschaftliche Modelle unternehmerische Aktivität, um gemeinsame Verantwortung zu erlernen und Geschäftsideen zu verwirklichen.

Privatschulen in genossenschaftlicher Trägerschaft

Privatschulen in genossenschaftlicher Rechtsform binden Eltern in besonderer Weise ein und eröffnen sowohl den Eltern als auch der Kommune als Mitglied der Genossenschaft weitreichende Möglichkeiten der bedarfsgerechten Gestaltung.

Genossenschaften in der Berufsausbildung

Kooperationen der überbetrieblichen Berufsausbildung können von städtischen Eigenbetrieben sowie anderen Unternehmen kooperativ angeboten und durchgeführt werden.

Genossenschaften in der Berufsorientierung

Jugendliche und junge Erwachsene werden beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützt. Die Agentur zur Begleitung der Jugendlichen ist als Genossenschaft organisiert und bindet die jungen Erwachsenen auch als Mitglieder langfristig ein.

Schülergenossenschaften (eSG)

In einer Schülergenossenschaft setzen Schüler eigenständig und eigenverantwortlich eine Geschäftsidee um und lernen somit praxisnah unternehmerisches Handeln und die demokratischen Prinzipien kennen. Die eSG verfügt über einen Vorstand, den Aufsichtsrat und die Generalversammlung. So gelten auch bei der Mitgliedschaft in der eSG die üblichen Regelungen von Genossenschaften.

Studentengenossenschaften/Universitäre Spin-Offs

Forschungskooperationen und Innovationsvorhaben bilden die Grundlage für universitäre Spin-Offs, welche in der Rechtsform der Genossenschaft einen gleichberechtigten Zugang und Nutzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen sichert.

Teaserliste «Artikel aus der Reihe "Entwicklungsfeld Kommunalwirtschaft"»

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