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Modell Gesundheitsgenossenschaft kann Ärztemangel entgegenwirken

Beispiel für eine Ärztegenossenschaft: Die Genossenschaft PädNetz eG, Stuttgart, ist ein Zusammenschluss von Kinder- und Jugendärzten.
Gerd Wolpert

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Ferdinand Gerlach, Mitglied des deutschen Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main, artikulierte während der Münchner Tage der Allgemeinmedizin im März 2015 seine Sorge um die zukünftige allgemeinmedizinische Versorgung in Deutschland vor allem im ländlichen Raum. Schuld seien vor allem Image- und Selbstwertprobleme des Berufs des Allgemeinmediziners („Hausarzt kann alles, aber nichts richtig“) und ein damit einhergehender Nachwuchsmangel. Auch die fortschreitende Urbanisierung und „Landflucht“ machten den Landarztberuf weniger attraktiv für heutige Medizinabsolventen.

Altersstruktur der Ärzte und Nachwuchssituation in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg kann im Moment von einer ärztlichen Unterversorgung noch nicht die Rede sein. Gerade in städtischen Gebieten ist der Versorgungsschlüssel – insbesondere bei der Facharztversorgung – teilweise so gut, dass in den vergangenen Monaten sogar von einer Überversorgung die Rede war. In ländlichen Regionen zeichnet sich hier allerdings ein ganz anderes Bild ab. Christoper Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, deutete bei der Fachtagung Gesundheit und Pflege des Regierungsbezirks Tübingen im vergangenen Herbst auf zwei besorgniserregende Trends im Land hin: Einerseits steigt der Anteil der Allgemeinmediziner, die über 59 Jahre alt sind – dieser liegt in Baden-Württemberg bei 33 Prozent und folgt damit nur Rheinland-Pfalz im bundesweiten Vergleich. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Facharztabschlüsse im Bereich Allgemeinmedizin stetig.

Der Teufel steckt also bereits im System. Ein Nachwuchsmangel zeichnet sich ab und viele Quellen prognostizieren in spätestens fünf bis zehn Jahren ganze Landstriche ohne allgemeinmedizinische Versorgung. So geht beispielsweise die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) davon aus, dass bis 2020 etwa 500 Ärzte in Baden-Württemberg keine Nachfolger finden. Diese Entwicklungen sind angesichts der demografischen Entwicklung umso prekärer.

Demografischer Wandel und Handlungsbedarf

Hinter dem unschönen Begriff „Altenquotient“ verbirgt sich das Verhältnis älterer Menschen (> 65 Jahre) zu Jüngeren im erwerbsfähigen Alter in der Gesellschaft. In einem erst Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte wird der Anteil der Über-65jährigen auf 20 Prozent der Gesamtbevölkerung beziffert – Tendenz steigend. Für den Altenquotienten bedeutet dies ein Anteil von 32 Prozent. Mit diesem Ergebnis liegt Deutschland auf Platz zwei. Nur Japan ist mit 39 Prozent noch „älter“. Aus diesen Zahlen ergibt sich eine voraussichtlich stärkere Inanspruchnahme medizinischer Leistungen durch eine alternde und auch teilweise weniger mobile Bevölkerung und steigende Belastungen für das öffentliche Gesundheitssystem. Ein selbstbestimmtes Leben im Alter in ländlichen Regionen wird so für viele Senioren zur Herausforderung.

Der Faktor Familie: Work-Life-Balance

In einer neulich veröffentlichten Befragung von 7.500 Studenten durch den Hartmann-Bund gaben 66 Prozent aller Medizinstudenten an, dass vor allem Bürokratie, finanzielle Risiken, „langweilige Krankheitsbilder“, das schlechte Image, ein geringer Austausch mit Kollegen und eine niedrige Bezahlung eine Rolle spielen, warum sich so wenige Studierende für die Facharztausbildung in der Allgemeinmedizin entscheiden. Bei über der Hälfte der Befragten spielt aber vor allem die hohe Arbeitsbelastung eine wichtige Rolle. Im Gegenzug ist 85 Prozent der Befragten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei der Auswahl ihrer späteren Fachrichtung mit Abstand am wichtigsten. In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass zwar ein Rückgang der allgemeinmedizinischen Abschlüsse zu verzeichnen ist, gleichzeitig aber auch eine Zunahme an Frauen mit einem Abschluss im Bereich Allgemeinmedizin. So werden hier aktuell 60 Prozent aller Abschlüsse von Frauen gemacht. Zusätzlich unter- streichen neue Elternzeitmodelle die Notwendigkeit für flexible Arbeitsarrangements für junge Eltern.

Beispiele für Gesundheitsgenossenschaften in Baden-Württemberg

PädNetzS eG

Die PädNetzS eG ist ein Zusammenschluss von Kinder- und Jugendärzten mit den Zielen, Qualitätsstandards und Leitlinien zu etablieren, Marketing nach außen zu betreiben, den Einkauf zu bündeln, Kooperationspartner zu vermitteln und sich gegenseitig unter den Mitgliedern zu unterstützen.

GenoMed eG

Die Einkaufsgenossenschaft für Ärzte GenoMed eG mit den Geschäftsfeldern Warenhandel für den Praxisbedarf, Sammeleinkauf für medizinisch-technische Geräte, Gerätevermietung und Organisation von Nutzergemeinschaften, Unternehmensberatung sowie Lohnabrechnung, nicht-ärztliche Labordienstleistungen und Weiterbildung (der Geno Graph Juni 2015 porträtierte GenoMed).

Ärztenetz Mittelbaden eG

In der Ärztenetz Mittelbaden eG haben sich Hausärzte, Fachärzte, Krankenhäuser und Reha-Institutionen in Mittelbaden zusammengeschlossen, mit dem Ziel, eine koordinierte und ganzheitliche Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.

Zusammenschluss von Notärzten Honmed eG

Zusammenschluss von Notärzten, die vom Träger der Leistung aufgefordert wurden, sich in einer haftungsbeschränkten Rechtsform zu organisieren. Für den Leistungsträger liegt der Vorteil unter anderem darin, mit der eingetragenen Genossenschaft ausschließlich einen Vertragspartner zu haben.

Rechtsform Genossenschaft

Der Rechtsanspruch auf einen Hausarzt je Ort, wie dies vom baden-württembergischen Gemeindetag vergangenes Jahr gefordert wurde, hat Charme und zeigt auch, dass sich Kommunen aktiv bei der Lösung dieser Probleme und ebenso am öffentlichen Diskurs beteiligen. Dies legt aber auch offen, dass die bestehenden (Landes-)Förderprogramme den absehbaren Versorgungsmangel nicht beheben können. Vom Landärzteprogramm der Landesregierung, den kommunalen Gesundheitskonferenzen oder den Förderungskonzepten der kassenärztlichen Vereinigung, wie etwa „regio-praxis KVBW“, gehen wichtige Impulse aus. Sie erreichen jedoch oft nicht die Jungmediziner am Scheideweg ihrer Karriere, also wenn es um die Entscheidung zu einer allgemeinmedizinischen Praxis geht. Sie können folglich allein keine flächendeckende Grundversorgung sichern.

Es fehlt an innovativen unternehmerischen Modellen, die die Jungmediziner an ihren jeweiligen Lebensstationen abholen. Eine Alternative, die flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung sowie den Austausch mit Kollegen ermöglicht, eine Reduzierung des bürokratischen Aufwands und eine Verringerung der finanziellen Risiken darstellt, kann das Modell der Gesundheitsgenossenschaft sein. Einmal mehr kann die Rechtsform Genossenschaft Hilfe zur Selbsthilfe bieten und dazu beitragen, dauerhafte Lösungsmodelle zu entwickeln, die alle Betroffenen – Patienten, Mediziner und Gemeinden – gleichermaßen involviert.

Nun sind Genossenschaften im Gesundheitsbereich in Baden-Württemberg kein Neuland. Es gibt bereits Beispiele, bei denen es um eine Bündelung der Kaufkraft, Entwicklung gemeinsamer Qualitätsstandards oder einer ganzheitlichen Organisation der Gesundheitsversorgung geht. Auf diesen sowie auf Erfahrungen in anderen Branchen lässt sich auch mit Blick auf die Herausforderungen von Ärzten und ärztlicher Versorgung aufbauen. Darüber hinaus gibt es in Schleswig-Holstein bereits eine Gesundheitsgenossenschaft, bei der es um die Führung einer gemeinsamen Praxis geht. Auch in der Schweiz ist dieses Modell beliebt und erlaubt unseren Nachbarn, in Deutschland ausgebildete Allgemeinmediziner mit überzeugenden Arbeits- und Lebensmodellen abzuwerben.

Zwei Modelle einer Genossenschaft haben aus Sicht des BWGV Potenzial:

Modell 1

Praxisräume: Kommunen und Bürger finanzieren und betreiben vor Ort Praxisräumlichkeiten, die von Ärzten in Voll- oder Teilzeit genutzt werden können. Denkbar sind auch mehrere Ärzte, die sich den Dienst teilen. Dies kommt besonders jungen Medizinern entgegen, die Familie und Beruf besser in Einklang bringen möchten.

Modell 2

Praxisgenossenschaften: Diese ermöglichen jungen Ärzten, Teilzeit-Ärzten, Ärzten in Elternzeit die Teilung der Praxisverantwortlichkeiten, der Sprechzeiten, der Verwaltung, die Möglichkeit eines Angestelltenverhältnisses und den Austausch mit Kollegen. Sie stellen eine Alternative zu Praxisgemeinschaften und Praxismodellen dar.

Ausblick

Um weiterhin eine qualitative flächendeckende medizinische Versorgung in Baden-Württemberg sicherstellen zu können, muss ein öffentlicher Diskurs zu den konkreten Problemstellungen des Nachwuchsmangels und der demografischen Herausforderungen geführt werden. Die Komplexität des Gesundheitssystems erfordert ein hohes Maß an Kooperation und Koordination auf allen Ebenen. Allerdings darf man in diesem Zusammenhang nicht den Menschen selbst aus dem Auge verlieren – sowohl Arzt als auch Patient. Veränderte Anforderungen an moderne Lebensumstände verlangen innovative Lösungswege. Gemeinsam kann mehr erreicht werden.

Genossenschaften stellen somit öfter als gedacht eine mögliche Alternative dar, die Ärzten helfen können, die Herausforderungen von Beruf und Familie in der Gemeinschaft zu meistern. Laut Ferdinand Gerlach ist der Hausarzt der Zukunft „kein Einzelkämpfer mehr, sondern ein Teamplayer“. Genossenschaftliche Modelle bieten Kommunen die Möglichkeit, selbstständig einem voraussehbaren Ärztemangel entgegenzuwirken. Genossenschaften sind dabei ein geeignetes Instrument, Selbsthilfe zu leisten, Kräfte zu bündeln und selbstverantwortlich dauerhafte Lösungen zu entwickeln.

Beispiele für Genossenschaften in Bayern und der Schweiz:

Gesundheitsgenossenschaft Hersbrucker Land eG

Die bayrische Gesundheitsgenossenschaft wurde 2009 gegründet und ist derzeit in insgesamt 48 regionale Arztpraxen in der HEBÄG eG organisiert. Die Genossenschaft arbeitet eng mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern und dem Krankenhaus Hersbruck zusammen, um die ärztlichen Versorgung und Fortbildung der Allgemeinärzte sicherzustellen. Außerdem organisiert sie Notdienste außerhalb derDienstzeiten, eine ärztliche 24-Stunden-Versorgung und einen ärztlichen Hausbesuchsdienst für häusliche Versorgung.

Genossenschaft Ärztliche Gemeinschaftspraxis Ebnat-Kappel eG

Im Jahr 2004 schloss in Ebnat-Kappel ein Internist altershalber seine ärztliche Hausarztpraxis, ohne einen Nachfolger zu finden. Bis 2016 schließen die beiden verbliebenen Praxen. Ohne die Gründung der Genossenschaftspraxis wäre man langfristig auf Mediziner in entfernt gelegenen Städten (z.B. St. Gallen) angewiesen gewesen. 2010 wurde daher von der Gemeinde die Einrichtung einer genossenschaftseigenen Gemeinschaftspraxis beschlossen. Diese erwarb eine Immobilie mit Räumlichkeiten für vier Ärzte (drei Hausärzte, ein Zahnarzt). Den Ärzten stehen u.a. digitales Röntgen, Ultraschall und Computersystem zur Verfügung. Neben der Miete fallen keine weiteren Kosten für teure Gerätschaften an. Die Genossenschaft ist Eigentümerin der Praxisräumlichkeiten. Etwaige Gewinne werden für Renovierung einbehalten.

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