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„Wir werden verstärkt Neugründungen erleben“

Dr. ROman Glaser
BWGV

Dr. Roman Glaser ist seit 1. Januar 2013 Präsident des BWGV. Er wurde zum 1. Oktober 2012 in den Verbandsvorstand berufen und war zuvor in verantwortlicher Position bei der genossenschaftlichen Zentralbank, ab 1997 bei der Volksbank Wiesloch und ab 2002 bei der Volksbank Baden-Baden*Rastatt.

Genossenschaften gibt es nun schon seit 160 Jahren, den Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband seit 150 Jahren. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Rechtsform?

Dr. Roman Glaser: Das Geheimnis der eingetragenen Genossenschaft ist sicher die sehr starke Personenbezogenheit. Wir bieten Mitsprachemöglichkeiten für die Menschen und dadurch eine sehr große Transparenz. Es gibt eine enge Verbindung zwischen Mitgliedern, Kunden, Mitarbeitern und Verantwortungsträgern. Daraus resultiert eine große Flexibilität, eine stete Wandlungsfähigkeit – ohne aber die Werte aus der Gründungsgeschichte zu vergessen.

Warum wird die eG auch eine Rechts- und Unternehmensform für die Zukunft sein?

Glaser: Weil es nachweislich keine andere Rechts- und Unternehmensform gibt, die sämtliche Höhen und Tiefen des Wirtschaftslebens so erfolgreich gemeistert hat. Außerdem hat nicht zuletzt die Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise gezeigt, dass ungebremste Gewinnmaximierungsstrategien auf Dauer nicht tragfähig sind. Die kluge Verknüpfung von wirtschaftlichem Erfolg, von notwendigem wirtschaftlichem Gewinnstreben mit sozialer Verantwortung ist letztlich das langfristig tragfähigste ökonomische Modell und soziale Marktwirtschaft. Die eingetragene Genossenschaft kommt dabei dem Willen der Menschen nach Beteiligung, nach Partizipation am Wirtschaftsgeschehen am besten entgegen.

Vor welchen Zukunftsherausforderungen stehen die Mitgliedsunternehmen des BWGV?

Glaser: Die größte Herausforderung besteht darin, für die jeweilige Genossenschaft eine klare Strategie zu erarbeiten. Es muss schlicht und einfach, aber konsequent die Frage beantwortet werden, wo in den nächsten fünf bis zehn Jahren für das jeweilige genossenschaftliche Unternehmen die Reise hingeht. Diese Strategiearbeit ist unabdingbar für die Sicherung der Zukunftsfähigkeit.

Was bedeutet das für den BWGV?

Glaser: Wenn wir die Strategiearbeit in den Genossenschaften stärker einfordern, wollen wir uns als Verband auch als strategischer Partner aufstellen. Das heißt: In unseren Aufgabenfeldern Beratung, Bildung, Interessenvertretung und Prüfung werden wir verstärkt gefordert sein, um unsere genossenschaftlichen Unternehmen auf ihrem Zukunftsweg zu begleiten.

Was muss ein zukunftsfähiger Genossenschaftsverband leisten?

Glaser: Er muss nah und kompetent an seinen Mitgliedern sein. Die Genossenschaften müssen spüren, dass sie durch ihre Mitgliedschaft beim Verband Mehrwerte für sich generieren – in allen Geschäftsfeldern.

In welchen Feldern von Wirtschaft und Gesellschaft besteht noch Potenzial für die Rechtsform eG?

Glaser: Überall dort, wo ein Wirtschaftssubjekt alleine nicht so schnell zum Ziel kommt, wie es mehrere mit gemeinsamer Zielrichtung tun können, wird die genossenschaftliche Rechts- und Unternehmensform noch Raum gewinnen können. Die eG könnte etwa in der Unternehmensnachfolge an Bedeutung gewinnen – zum Beispiel bei Freiberuflern oder im Handwerk. Auch im Bereich der Pflegedienstleistungen und im Bildungssektor schlummern noch enorme Potenziale.

Welche Rolle trauen Sie den Energiegenossenschaften langfristig zu?

Glaser: Die Energiegenossenschaften können beim Umbau des Energiesektors eine bedeutende Rolle spielen. In Wirtschaft, Gesellschaft und Politik scheint es mittlerweile Konsens zu sein, dass die Energiewende dezentral ausgestaltet ist und sehr stark von partizipativen Modellen, also von der Einbindung der Bürgerinnen und Bürger, lebt. Durch eine genossenschaftliche Betätigung greift in der notwendigen Kombination von Partizipation und wirtschaftlicher Ausrichtung immer wieder die ökonomische Vernunft Raum.

Wie sehen Sie die Zukunftschancen der Volksbanken und Raiffeisenbanken?

Glaser: Wenn man die Entwicklung der vergangenen Jahre analysiert, dann sieht man, dass die Volksbanken und Raiffeisenbanken Marktanteile erobert haben – gerade nach dem Ausbruch der Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise. Die Mitgliedschaft bei einer genossenschaftlichen Bank hat an Attraktivität gewonnen. Dezentrale und realwirtschaftlich bezogene Geschäftsmodelle – wie sie die Volksbanken und Raiffeisenbanken betreiben – haben ganz offensichtlich ihren Stellenwert. Die Herausforderungen sehe ich unter anderem in der nun schon lang anhaltenden Niedrigzinsphase, die die Ertragsmöglichkeiten realwirtschaftlich ausgerichteter Banken tendenziell beschränkt. Eine weitere Herausforderung ist die Integration unterschiedlicher Zugangswege zur Genossenschaftsbank – von der persönlichen Präsenz in den Filialen bis zum Internet und sämtlichen Formen des Online-Bankings oder der Social-Media-Modelle. Hier müssen wir entsprechende Trends aufnehmen und die zu unserem Geschäftsmodell passenden Schritte gehen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das schaffen.

Warum werden Genossenschaften auch in der Landwirtschaft weiterhin eine wichtige Rolle spielen?

Glaser: Die Landwirtschaft durchlebt einen verstärkten Strukturwandel. Es bilden sich immer mehr leistungsfähige Betriebe heraus, die sich erfolgreich auf den mittlerweile fast durchweg liberalisierten Agrarmärkten bewegen. Im Sinne der ökonomischen Arbeitsteilung werden gerade in der Erfassung, aber auch in der Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte leistungsfähige Genossenschaften eine sogar noch wichtiger werdende Rolle als heute einnehmen müssen.

Wie wird das „Genossenschaftsland“ Baden-Württemberg im Jahr 2039 aussehen, also zu unserem 175-jährigen Bestehen?

Glaser: Auch in 25 Jahren werden wir eine sehr differenzierte Mitgliederstruktur haben. Wir werden tendenziell, insbesondere in den traditionellen genossenschaftlichen Sektoren, größere Markteinheiten haben. Wir werden aber auch verstärkt Neugründungen erleben – sowohl im ökonomischen als auch im ideellen Bereich.

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