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„Spaß am Dreiklang Beleg, Buchung und Bilanz/Jahresabschluss“

Gerhard Schorr
BWGV

Gerhard Schorr ist Wirtschaftsprüfer und seit 1997 – damals noch beim Württembergischen Genossenschaftsverband – Verbandsdirektor: Er spricht über die schönsten Seiten am Beruf des Prüfers.

Herr Schorr, Sie betonen gerne, wie schön und herausfordernd der Beruf des Prüfers ist. Was macht die Tätigkeit aus?

Das Faszinierende am Prüfen ist zunächst einmal die Vielseitigkeit. Der Prüfer wird in ganz unterschiedlichen „Wissensgebieten“ gefordert – das fordert und fördert den Menschen und hält geistig jung. Auch das Spannungsfeld, als Prüfer respektiert zu sein, früher sagte man oft auch „gefürchtet“, und andererseits die geprüfte Genossenschaft als Kunden zu sehen, habe ich selten als Last empfunden, sondern als echte Herausforderung. Der Prüfungsbericht als Visitenkarte hat mich immer als sprachliche Herausforderung begeistert. Er ist nicht nur im juristischen Sinne ein „Werk“, ich habe den Prüfungsbericht immer als Gesamtkunstwerk betrachtet, für den ich als Prüfer Verantwortung trage. Man kann sich im Prüfungsbericht richtig „ausleben“ und sein geistiges Potenzial entfalten.

Welche Talente und Fähigkeiten muss ein guter Prüfer mitbringen?

Der Prüfer muss mit Zahlen auf Du und Du stehen, das heißt, er braucht einen hohen rechnerischen IQ und muss Zahlen intuitiv erfassen können. Übrigens: Wer glaubt, dass dies in Zeiten hochentwickelter IT weniger wichtig sei, liegt daneben. Der Prüfer muss Spaß an dem Dreiklang Beleg, Buchung und Bilanz/Jahresabschluss haben. Er muss ein Menschenkenner sein und sollte auch Menschenfreund sein. Der Prüfer muss ein guter, konzentrierter Zuhörer sein und muss vor allem gut fragen können. Die Anforderungen an die fachliche Exzellenz des Prüfers waren und sind immer hoch, das lebenslange Lernen ist zwingend erforderlich. Heute muss der Prüfer auch ein gerüttelt Maß an Methodenkompetenz mitbringen. Schließlich sollte der Prüfer auch rhetorische Fähigkeiten haben, weil er seine Meinung immer wieder in streitigen Gesprächen behaupten muss.

Was ist heute einfacher, was ist schwieriger als in früheren Jahren?

Die IT-gestützte Prüfung und die IT-Organisation der Genossenschaftsbanken und größerer Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften macht heute die Prüfung „einfacher“ und effizienter – andererseits ist die Abhängigkeit von der IT beachtlich. Die fachlichen Anforderungen nach Basel I bis III sind extrem gestiegen – das KWG konnte der Prüfer in den 70er- und 80er-Jahren fast auswendig, heute hilft nur noch Spezialisierung bei vielen regulatorisch getriebenen Anforderungen. Der Berufsalltag des Prüfers ist heute verdichteter als vor 30 Jahren. Es geht hektischer zu, der Druck hat zugenommen. Die Leichtigkeit ist etwas abhanden gekommen.

Wie wirkt sich die zunehmende Regulierung konkret auf die Prüfung aus?

Die Regulierung hat die Prüfung und die Prüfungsberichte spürbar verändert, leider nicht zum Guten. Es müssen heute mehr formelle Aspekte geprüft werden als früher, und der Prüfungsbericht ist überfrachtet mit regulatorischen Themen, was seiner Lesbarkeit und Adressatengerechtigkeit nicht dient. Der Prüfer wird heute öfter als „verlängerter Arm der Aufsicht“ gesehen, was nicht der Wirklichkeit entspricht, das Verhältnis Mandant zur Prüfung aber belastet.

Vor welchen Zukunftsherausforderungen steht das Thema Prüfung in den kommenden Jahren?

Einmal natürlich prägen die Herausforderungen, die den Mitgliedern bevorstehen, auch die Tätigkeit der Prüfung mit. Nehmen wir das Beispiel Banken – es ist mit Händen zu greifen, dass die Volksbanken und Raiffeisenbanken durch die Zinspolitik der EZB vor nicht ganz einfachen Jahren stehen was die Ertragskraft betrifft. Das muss auch die Prüfung mit herausfordern. Dann gibt es natürlich Herausforderungen, die sich aus der Einbettung der Prüfung in die nationalen und weltweiten Prüfungsorganisationen ergeben. Das wird den Spagat nochmals verstärken zwischen Standards, die alle Größenordnungen von Prüfungen umfassen, und einer eher praxisorientierten und mittelständisch geprägten Prüfung, der wir uns als Genossenschaftsprüfer verschrieben haben.

Sie waren lange Zeit selbst Prüfer. Muss ein Prüfer ein dickes Fell haben?

Das dicke Fell passt und passt auch irgendwo nicht. Es ist immer ein Wechselspiel. Der Prüfer braucht Stehvermögen, Standfestigkeit. Die Engländer und Angloamerikaner haben dafür einen sehr zutreffenden Begriff gewählt, sie sprechen bei Prüfern, die durchsetzungsfähig sind, von „hard noses“ – also von Prüfern, die gegen harte Hindernisse laufen können und nicht gleich umfallen. Das ist aber nur eine Seite. Genauso wichtig ist es, dass der Prüfer eine kritische Grundhaltung hat und dennoch kein Menschenfeind ist und offen in die Genossenschaften hineingeht. In bestimmten Situationen –  das ist Gott sei Dank aber nicht der Alltag – braucht der Prüfer tatsächlich die harte Nase oder das dicke Fell.

Herr Schorr, man hört immer mal wieder die Aussage „typisch Prüfer“. Was wäre ein typischer Satz für einen Prüfer, und welchen Satz wird man nie von einem Prüfer hören?

Ein typischer Prüfer-Satz ist: „Das muss ich erst einmal genau prüfen.“ Als Beispiel für einen „Unsatz“ fällt mir eine Anekdote aus meiner Assistentenzeit beim damaligen Kölner Verband ein. Da haben wir in einer Schulung erfahren, dass ein Prüfer in einer Schlusssitzung tatsächlich einmal den Satz gesagt haben soll: „Es tut mir leid, aber ich habe bei Ihnen leider keine Fehler finden können.“ Solch eine Aussage sollte man als Prüfer doch tunlichst vermeiden. Sie ist mit der heute geforderten Kundenorientierung unvereinbar.

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