Springe direkt zum Inhalt , zum MenĂĽ .

Sparkassen und Genossenschaftsbanken warnen: Niedrige Zinsen bedrohen Sparkultur

Sparschwein, Foto Thorben Wengert, pixelio
Thorben Wengert/pixelio

/

Die dauerhaft niedrigen Zinsen bedrohen massiv die Sparkultur in Deutschland. „Die Politik der Europäischen Zentralbank schadet den Sparern und sozialen Sicherungssystemen extrem. Eine Wende hin zu wieder steigenden Zinsen ist überfällig“, sind sich Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, und Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), einig. „Die extrem niedrigen Zinsen lösen keine Probleme, vielmehr werden damit neue geschaffen“, betonen sie. Beide Verbände, die rund 80 Prozent des Bankenmarkts im Südwesten repräsentieren, veranstalteten deshalb heute in Stuttgart erstmals ein gemeinsames Symposium zum Thema „Das Ende der Sparkultur?“. Ihr dringender Rat zum Weltspartag am 30. Oktober: Trotz allem weiter sparen und ausreichend Vorsorge fürs Alter treffen.

Die Geschichte des Sparens in Wort und Bild

Bilder im Video: CC BY-SA 3.0, BWGV, SVBW, Kreissparkasse Tuttlingen

Während Kreditnehmer und die Staatshaushalte durchaus von den historisch niedrigen Zinsen in Europa profitieren, sind die Sparer in Deutschland die großen Verlierer, da traditionelle und sichere Anlagen wie Festgeld, Tagesgeld oder Sparbücher kaum noch Ertrag bringen. „Die Zinsen sind politisch gewollt, für die Volkswirtschaft aber langfristig äußerst schädlich“, sagt BWGV-Präsident Glaser. Der Zins habe seine eigentliche Steuerungsfunktion fast vollständig verloren. „Die Sparer fragen sich, warum sie überhaupt noch sparen sollen“, ergänzt Sparkassenpräsident Schneider. Vor allem jungen Menschen sei es derzeit nur noch schwer zu vermitteln, dass Sparen nach wie vor notwendig ist. Die quasi Nullzinspolitik habe aber auch eine soziale Dimension. So litten wohltätige Stiftungen unter der aktuellen Lage ebenso wie die sozialen Sicherungssysteme und Kleinsparer. „Ein ausreichendes Sparen fürs Alter ist vor diesem Hintergrund kaum noch möglich“, konstatieren die Bankenvertreter. Durch die Mini-Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) drohen den Menschen in Deutschland erhebliche Versorgungslücken, längere Lebensarbeitszeiten und teilweise sogar Altersarmut.

Niedrigzinspolitik der EZB fördert Spekulationen

Auch wenn es für Kreditnehmer kurzfristig positive Effekte durch die niedrigen Zinsen geben mag, langfristig wirkt sich die „Abschaffung“ des Zinses negativ aus. Die Anreize zum Sparen sinken massiv, wodurch wichtige Zukunftsinvestitionen zugunsten des Konsums in der Gegenwart verringert werden. Zudem drohen Spekulationsblasen – etwa auf den Immobilienmärkten, wo die Preise schon seit Längerem immer weiter steigen. Die Niedrigzinspolitik der EZB fördert somit Spekulationen und ist eine Gefahr für ein stabiles Wirtschaftswachstum. Für die Kunden der Sparkassen sowie der Volksbanken und Raiffeisenbanken wird vor dem Hintergrund der Mini-Zinsen das Thema Beratung immer wichtiger. „In der kompetenten und vertrauensvollen Beratung liegt die große Stärke unserer Banken, die traditionell sehr nahe an den Menschen sind“, verdeutlicht Genossenschaftspräsident Glaser. „In der Niedrigzinsphase wird eine breite und sinnvolle Streuung der Anlagen noch wichtiger für die Privatanleger. Unsere Berater geben hierbei kompetent Hilfestellung“, betont Sparkassenpräsident Schneider.

Diskussion mit namhaften Experten aus Politik, Wissenschaft und EZB

Beim Symposium anlässlich des Weltspartags am 30. Oktober diskutierten vor mehr als 350 Gästen namhafte Experten über das Megathema Sparen: Peter Simon MdEP, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments, Dr. Ulrich Bindseil, Direktor der Generaldirektion Finanzmarktoperationen der Europäischen Zentralbank, und Prof. Dr. Gunther Schnabl, Direktor des Instituts für Wissenschaftspolitik der Universität Leipzig. „Ein zeitnaher und glaubwürdiger Ausstieg aus der Nullzinspolitik ist notwendig“, fordert Geldpolitik-Experte Schnabl. Denn in der Geschichte hätten zu niedrige Zinsen immer wieder zu Spekulationsphasen auf den Aktien- und Immobilienmärkten geführt, an deren Ende das Platzen von Blasen lang anhaltende Rezessionen ausgelöst hätte. „Zudem führt die aktuelle Geldpolitik zu Umverteilungseffekten, da sie vor allem die Vermögenspreise nach oben treibt. Davon profitieren insbesondere die oberen Einkommensschichten“, betont der Professor.

Mehr Augenmaß bei der Bankenregulierung

Ein wichtiges Anliegen der Genossenschaftsbanken und Sparkassen ist neben dem Wunsch nach steigenden Zinsen, dass in der Bankenregulierung wieder mehr Augenmaß herrscht und wieder mehr differenziert wird zwischen global agierenden Großbanken auf der einen Seite und regional aktiven Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen auf der anderen Seite. „Bei der Regulierung ist mittlerweile eine Schwelle erreicht, die lähmend wirkt“, sagt Glaser. „Wir brauchen hier eindeutig mehr Differenzierung. Die Grenze der Belastbarkeit ist definitiv erreicht“, betont der Repräsentant der mehr als 200 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg. „Gerade die verlässlichen kleinen und mittleren Institute dürfen nicht durch übertriebene bürokratische Belastungen in Schwierigkeiten gebracht werden“, sagt Schneider. An die Politik in Berlin und Brüssel gerichtet fordern Glaser und Schneider, bereits beschlossene Regelungen noch einmal nach möglichen Erleichterungen für die kleinen und mittleren Banken mit ihren bodenständigen Geschäftsmodellen zu durchforsten. „Die Vielfalt des deutschen Bankensektors, die sich schon oft bewährt hat, muss erhalten bleiben“, fordert Glaser. „Überregulierung ist eine Gefahr für die regionale Wertschöpfung“, ergänzt Schneider, der die 53 Sparkassen im Südwesten vertritt. „Wir sorgen für Wertschöpfung in der Region und werden unserer realwirtschaftlichen Verantwortung gerecht“, so Schneider weiter.

Klares „Nein“ zur europäischen Einlagensicherung

Insbesondere die europäische Einlagensicherung, wie sie die EU-Kommission in Brüssel plant, stößt auf massiven Widerstand der Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Schneider und Glaser fordern eindringlich, die über viele Jahrzehnte bewährten Systeme der Volksbanken und Raiffeisenbanken sowie der Sparkassen zu erhalten. Durch ihre selbstständig organisierten Institutssicherungen ist sichergestellt, dass weder bei Sparkassen noch bei Volksbanken oder Raiffeisenbanken die Spareinlagen der Kunden verloren gehen können. Entsprechend hat noch nie ein Kunde einer Genossenschaftsbank oder Sparkasse auch nur einen Cent seiner Einlagen verloren. „Brüssel setzt das Vertrauen der Sparer aufs Spiel. Mit einer europäischen Einlagensicherung würden feste Schutzmauern eingerissen, die nationale Bankenmärkte vor dem Übergreifen von Finanzmarkt-Turbulenzen schützen. Das geht auf Kosten der Bankkunden in Deutschland“, sagt Schneider. „Niemandem ist es zu vermitteln, warum wir den bewährten nationalen Schutz unserer Ersparnisse gegen eine instabile europäische Sicherungseinrichtung eintauschen sollten. Wir brauchen keine europäische Einlagensicherung“, ergänzt Glaser. „Das notwendige Vertrauen in die Sicherheit der Einlagen würde dadurch verloren gehen.“

Symposium anlässlich des Weltspartags 2015
Symposium anlässlich des Weltspartags 2015 (v. l.) Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, Bernd Wittkowski, Mitglied der Chefredaktion der Börsen-Zeitung, Wilfried Klenk, Landtagspräsident, Dr. Ulrich Bindseil, Direktor der Generaldirektion Finanzmarktoperationen der Europäischen Zentralbank, Peter Simon, MdEP, Prof. Dr. Gunther Schnabl, Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig, Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (Fotograf Wolfgang List)
Dr. Roman Glaser, Präsident des BWGV
Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (Fotograf Wolfgang List)
Symposium anlässlich des Weltspartags 2015
Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg (Fotograf Wolfgang List)
Symposium anlässlich des Weltspartags 2015
v. l.: Peter Schneider, Peter Simon, Dr. Roman Glaser (Fotograf Wolfgang List)
Symposium anlässlich des Weltspartags 2015
Symposium anlässlich des Weltspartags 2015 (Fotograf Wolfgang List)

 

Verlässliche Partner der Menschen und des Mittelstands vor Ort

Die Sparkassen sowie die Volksbanken und Raiffeisenbanken sind seit mehr als 150 Jahren die verlässlichen Partner der Menschen und des Mittelstands in Baden-Württemberg. Insbesondere in der Finanzmarktkrise 2008/2009 haben die regionalen Banken mit ihren nachhaltigen und auf die örtliche Realwirtschaft bezogenen Geschäftsmodellen ihre außerordentliche Stärke und ihre große Bedeutung für den Standort Deutschland unter Beweis gestellt. Gerade durch die mittelständische Bankenstruktur ist die heimische Wirtschaft schnell und vergleichsweise unbeschadet durch die Krise gekommen. Die aktuell 208 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg weisen eine Bilanzsumme von mehr als 142 Milliarden Euro aus. Die Einlagen liegen bei rund 107 Milliarden Euro, die vergebenen Kredite bei etwa 84 Milliarden Euro. Insgesamt arbeiten fast 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Volksbanken und Raiffeisenbanken im Südwesten, darunter 2.400 Auszubildende. Die Genossenschaftsbanken werden von mehr als 3,65 Millionen Mitgliedern getragen. Die 53 Sparkassen im Südwesten kommen zusammen auf eine Bilanzsumme von 177 Milliarden Euro. Die Einlagen der Kunden liegen bei 123 Milliarden Euro. Rund 112 Milliarden Euro wurden aktuell an Krediten ausgereicht. Insgesamt arbeiten gut 35.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Sparkassen, darunter rund 3.000 Auszubildende.

Bildnachweis: Thorben Wengert, pixelio

Artikel versenden