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Vom Azubi zum Vorstand

Karriereleiter
S. Hofschlaeger / pixelio.de

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Was haben Johannes Bliestle, Vorstand der ReichenauGemüse eG, Jörg Hermes, Vorstand der Raiffeisengenossenschaft Mannheim eG, und Markus Ell, Vorstand der Oberkircher Winzer eG, gemeinsam? Sie alle begannen ihre berufliche Laufbahn mit einer kaufmännischen Ausbildung. Basierend auf dieser Ausbildung, sammelten sie erste Berufserfahrungen und bildeten sich berufsbegleitend zum Handelsfachwirt weiter. Heute führen sie erfolgreich eine Genossenschaft. Johannes Bliestle sagt dazu: „Vom Bäcker erwarten wir, dass er nicht nur weiß, wie er seine Brötchen backen muss, sondern dass er das auch kann. Vom KFZ-Mechaniker erwarten wir, dass er nicht nur weiß, wie ein Fahrzeug funktioniert, sondern dies auch reparieren kann. Glauben wir tatsächlich, dass bei Kaufleuten nur das theoretische Wissen reicht? Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass dies nicht so ist, genauso wenig wie bei einem Bäcker oder einem KFZ-Mechaniker.“

Die genannten Beispiele sind keine Einzelfälle. Selbst im Management deutscher und Schweizer Konzerne finden sich Führungskräfte, die auf eine solide duale Ausbildung zurückblicken. Genannt seien an dieser Stelle Sergio Ermotti, CEO der größten Schweizer Bank UBS, der als Bankazubi begann und Stephan Howeg, Marketingchef des weltgrößten Zeitarbeit-Anbieters Adecco, der den Beruf des Maschinenmechanikers erlernte, bevor er studierte.

Beste Karrierechancen

Vom Azubi zum Vorstand
Viele Wege führen nach oben

Auch im direkten Vergleich der Karrierechancen schneiden Berufstätige mit Berufsabschluss und Aufstiegsfortbildung wie zum Beispiel Meister und Fachwirt besser ab als Akademiker, bestätigt eine Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Zwar sind in den Betrieben 39 Prozent der Beschäftigten, die ein Studium abgeschlossen haben, in Positionen mit direkter Personalverantwortung tätig. Unter den Beschäftigten mit Berufsausbildung plus Aufstiegsfortbildung beträgt der Anteil mit Führungsverantwortung sogar 47 Prozent.

Diese Erfolgsgeschichten der dualen Ausbildung können dennoch nicht verhindern, dass sich knapp die Hälfte der Schulabgänger gegen eine Berufsausbildung und für ein Studium entscheidet. Eine Entscheidung, die für zahlreiche Studenten gerade nicht zum erhofften Karrierestart führt. Rund ein Drittel aller Studenten beenden das Erststudium ohne Abschluss. Ein Teil der Studienabbrecher findet über eine berufliche Ausbildung zu einer neuen Perspektive. Aus dem Scheitern im Studium erwächst eine zweite Chance für die betroffenen jungen Menschen und nachwuchssuchende Unternehmen zugleich. Die Handwerkskammer Unterfranken stellt auf unserer Ausbildertagung am 25. und 26. April ein wegweisendes duales Ausbildungsprojekt für Studienabbrecher vor. Bei Betrachtung der genannten Entwicklungen stellt sich die Frage, wie Fehlanreize in der Berufsbeziehungsweise Studienwahl frühzeitig vermieden werden können. Eine besondere Verantwortung für die Berufs- und Studienwahl junger Menschen tragen unsere Schulen. Im Rahmen des verpflichtenden Unterrichts zur Berufsorientierung sammeln Schüler erste berufliche Erfahrungen in Praktika, gewinnen in der Reflektion mit den Lehrern Erkenntnisse und entwickeln subjektive Vorstellungen von der Berufswelt, die erheblich zur Weichenstellung im Entscheidungsprozess beitragen. Das Kultusministerium BadenWürttemberg hat mittlerweile erkannt, dass eine einseitige Fokussierung auf ein Abitur für alle mit anschließendem Studium weder für Jugendliche noch für die Wirtschaft zielführend ist. Als neue Leitperspektive für den Schulunterricht zur „Beruflichen Orientierung“ definiert das Kultusministerium, dass die Jugendlichen den Übergangsprozess deutlich zielführender, realitätsnaher und mit weniger Zeitverlusten durchlaufen und Warteschleifen abgebaut werden sollen.

Die Möglichkeit des direkten Übergangs in eine berufliche Ausbildung mit den anschließenden Karriereperspektiven kann als gleichwertige Alternative zu einem Studium an der Hochschule erfahren werden, stellt das Kultusministerium klar. Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung ist mittlerweile bildungspolitischer Konsens. So formulierte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka als Ziel ihrer Arbeit, das Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung in eine richtige Balance zu bringen und die Gleichwertigkeit dieser beiden erfolgreichen Bildungsbereiche sicherzustellen.

Ausbildende Betriebe müssen aktiver werden

Die bildungspolitische Einsicht hat sich gesellschaftlich noch nicht durchgesetzt. Um den notwenigen Sinneswandel zu befördern, müssen sich neben den Schulen vor allem ausbildende Betriebe noch stärker einbringen. Allein das Wissen um die theoretische Möglichkeit über eine Berufsausbildung später einmal Karriere zu machen, hält keinen Abiturienten vom Studium ab. Wie sagte Goethe so treffend: Grau ist alle Theorie!

Wer Schüler für eine berufliche Ausbildung gewinnen will, muss Beispiele geben und in der Praxis konkret aufzeigen, welche Entwicklungswege einem potenziellen Bewerber in der Genossenschaft offen stehen. Diese Botschaft muss auf allen bespielten Kommunikationskanälen wie Flyer, Webauftritt, Imagevideos und auf Berufsmessen kontinuierlich vermittelt werden. Die Genossenschaft als beruflicher Chancengeber ist darüber hinaus ein wichtiges Signal an Eltern, die bei der Berufoder Studienwahl des Kindes „mitreden“. Die zahlreichen guten Argumente, welche für eine berufliche Ausbildung und Karriere sprechen, liegen für die Ausbildungsbetriebe meistens auf der Hand. Für die Eltern ist das nicht so klar und was noch schlimmer ist, überkommene Vorstellungen zum Beispiel die vermeintlich fehlende Anschlussfähigkeit der Berufsausbildung an ein Studium halten sich hartnäckig. Daher lohnt es sich, die Vorteile der beruflichen Ausbildung und die vorhandenen Entwicklungswege in Flyern, auf Webseiten und Videos hervorzuheben und in persönlichen Gesprächen zu betonen.

Das sind die Vorteile der Berufsausbildung:

  • Das breite Spektrum der Ausbildungsberufe bietet mit seinen unterschiedlichen Qualifikationsprofilen allen Schulabgängern eine Ausbildungschance. Persönlichkeit und Engagement des Bewerbers stehen im Vordergrund. Ein erfolgreiches Praktikum sagt mehr als Zeugnisnoten.
  • Lernen durch Arbeit im Umgang mit Werkstücken und Kunden fällt vielen Jugendlichen leichter als ein rein theoretischer Wissenserwerb. Im Laufe der Ausbildung reift die Persönlichkeit und dies führt nicht selten zu neuen Einsichten und Handlungsoptionen.
  • Beruflich aus- und fortgebildete Personen haben in Deutschland das geringste Risiko, arbeitslos zu werden. Auszubildende verdienen von Anfang an eigenes Geld und der Lebensverdienst eines Meisters ist mit dem eines Akademikers vergleichbar.
  • Eine breite Palette an berufsbegleitenden Fortbildungsangeboten ermöglicht es Berufstätigen, die nächsten Karriereschritte zeitlich individuell zu planen. Das eigene Lerntempo, familiäre und berufliche Aspekte lassen sich in der Planung der eigenen Fachund Führungskarriere gut unter einen Hut bringen.
  • Mit einer Berufsausbildung ist die Aufnahme eines Studiums auch ohne Fachhochschulreife oder allgemeine Hochschulreife (Abitur) möglich. Abschlüsse wie Meister und Fachwirte verschaffen die volle Anschlussfähigkeit an verwandte BachelorStudiengänge. Berufsbegleitende Studiengänge führen im Gegensatz zu einem Vollzeitstudium nicht zu einem völligen Verdienstausfall.

Berufspraktikum wichtiger denn je

Einer der wichtigsten Hebel zur Meinungsbildung und Gewinnung von zukünftigen Azubis ist und bleibt das Berufspraktikum. Wie eingangs erwähnt, werden im Schulunterricht zur beruflichen Orientierung im Wesentlichen die Weichen für den Übergang zum Beruf gestellt. Die verpflichtenden Berufspraktika verschaffen Genossenschaften Kontakte zur Jugendlichen, die sich noch nicht auf einen Berufsweg festgelegt haben. In dieser Übergangsphase liegt eine große Chance, die zu selten genutzt wird. Wie wird ein Berufspraktikant von den Mitarbeitern einer Genossenschaft gesehen? Wird er als lästiger Störfaktor bewertet, der den Betrieb aufhält? Oder wird der Praktikant als potenzieller Bewerber und Botschafter der Genossenschaft betrachtet?

Die Volksbank Trier eG entwickelte mit Azubis und Ausbildern ein Konzept zur Gewinnung und Betreuung von Praktikanten (Praktigation 2.0). Bemerkenswert ist der Ansatz, dass mit Praktigation 2.0 nicht nur primär das Ziel der Gewinnung potenzieller Bewerber verfolgt wird. Gleichzeit soll die Kompetenz der Azubis im Bereich Eigenverantwortung, Organisation und Teamwork gestärkt werden. Neben einem Imagegewinn sollen die Kundenbeziehung ausgebaut und neue Kunden gewonnen werden. Der Prozess von Bewerbung, Auswahl, Planung, Begleitung bis zum Lehrergespräch und Feedbackgespräch mit dem Praktikanten wurde so gut als möglich standardisiert. Planung und Begleitung der Praktikanten liegt in der Hand von Azubis, was die Personalabteilung entlastet.

Die planenden Azubis und das Personal auf den Zweigstellen sind auf ihre Aufgabe vorbereitet, geben Einblicke in die Arbeit und machen die Praktikanten mit unterschiedlichen Bereichen bekannt. In einer Begrüßungsmappe sind Informationsmaterial über die Volksbank, die angebotenen Ausbildungsberufe und Entwicklungswege selbstverständlich enthalten. Die Anzahl der durchlaufenden Praktikanten wurde von zehn auf 45 pro Jahr erhöht. Das Beispiel zeigt exemplarisch, dass die Volksbank Trier eG selbstverständlich damit kalkuliert, dass nicht alle Praktikanten anschließend eine Bankausbildung beginnen werden. Die Praktikumsrendite liegt unter anderem darin, dass diese Volksbank in der Wahrnehmung der Praktikanten, deren Eltern, Mitschüler und Lehrer als vorbildlicher Arbeitgeber und Dienstleister in Erinnerung bleibt.

Das Beispiel zeigt, dass die Beschäftigung mit Praktikanten, das Werben um potenzielle Azubis Zeit und Geld kosten. Aber gibt es eine Alternative dazu, wenn die Bewerbungen ausbleiben? Eher nein. Aber die Mühe lohnt, denn aus Azubis werden mitunter Führungskräfte.

Ausbildertagung

Die Ausbildertagung vom 25.–26.04.2017 ist auch in diesem Jahr eine lohnende Investition und ideale Netzwerk-Plattform für Ausbildungsverantwortliche.

Auszug aus dem Programm:

  • Studienabbrecher erkennen und für das eigene Unternehmen gewinnen Christina Huck, Karriereberaterin der Handwerkskammer für Unterfranken
  • Digitales Empfehlungsmanagement – Wie Unternehmen die Kraft persönlicher Empfehlungen für das Recruiting nutzen Arnim Wahls, Founder & CEO der Firstbird GmbH
  • Kraftvoll leben – Wie Sie sich selbst auf Erfolg programmieren! Diplom-Psychologe Stephan Landsiedel

Weitere Informationen unter www.bwgv-akademie.de

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