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»Erst die private Vorsorge sichert den Lebensstandard«

Rentenexperte Bernd Raffelhüschen
Union Investment

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Die Menschen in Deutschland müssten sich keine Sorgen um ihre Rente machen. Denn das Vorsorgesystem über drei Schichten funktioniere auch in der Zukunft. Dazu müssten sie allerdings aktiv werden. Denn nur wer die angebotenen Möglichkeiten nutze, sei im Alter gut versorgt. Dies gelte insbesondere auch für junge Menschen in Baden-Württemberg. Das ist ein Ergebnis des neuen Vorsorgeatlas Deutschland, den das Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg im Auftrag von Union Investment erstellt hat.

Die Geno-Graph-Redaktion hat zu den Ergebnissen bei Professor Dr. Bernd Raffelhüschen, Leiter des Forschungszentrums, und Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, nachgefragt.

Professor Raffelhüschen und Herr Reinke, warum sind Sie sich sicher, dass das heutige Vorsorgesystem auch in Zukunft funktioniert?

Raffelhüschen: Wie der Vorsorgeatlas belegt, ist die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) die Hauptstütze der Altersversorgung in Deutschland und wird dies auch über das Jahr 2030 hinaus bleiben. Im Durchschnitt und über alle Einkommens- und Altersklassen hinweg werden die Versicherten bei Rentenbeginn monatlich 1.070 Euro erhalten und rund 48 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens  ersetzen  können.  In  Baden-Württemberg  wird  die  durchschnittliche  monatliche Rente bei 1.110 Euro liegen. Das entspricht beinahe 47 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Dabei gibt es allerdings deutliche Unterschiede: Während die Baden-Württemberger zwischen 50 und 65 Jahren mit der GRV ihren Lebensstandard knapp sichern können und auf eine Ersatzquote von knapp 59 Prozent kommen, schaffen die 20- bis 34-Jährigen lediglich gut 38 Prozent.

Reinke: Zur Sicherung des Lebensstandards im Alter sind allerdings mindestens 60 Prozent des letzten Bruttoeinkommens nötig. Und so fehlen den Baden-Württembergern 871 Euro pro Monat. Entscheidend ist also, dass die Möglichkeiten insbesondere der privaten Vorsorge genutzt werden. Wer das beherzigt und zusätzlich vorsorgt – sowohl staatlich gefördert als auch privat –, kann seinen  Lebensstandard im Alter sichern und  in Kombination  mit  der  gesetzlichen  Rente insgesamt rund 83 Prozent des letzten Einkommens erzielen. Wir müssen es gemeinsam mit allen Beteiligten schaffen, dass die Menschen die vorhandenen Möglichkeiten des Rentensystems vollständig nutzen. Wer dies tut, muss keine Angst vor der Rente haben.

Private Vorsorge ist und bleibt also ein Muss?

Raffelhüschen: Grundsätzlich ja. Die gesetzliche Rente bleibt zwar über das Jahr 2030 die tragende Säule der Altersvorsorge. Aber erst die private Vorsorge sichert den Lebensstandard.

Wie genau schließen also Riester-Rente und betriebliche Altersvorsorge die Versorgungslücke?

Reinke: Bei der privaten  Vorsorge ist die Riester-Rente mit über 16 Millionen Verträgen am weitesten verbreitet. Insgesamt 44 Prozent der Förderberechtigten haben einen Vertrag und können dadurch ihre Ersatzquoten deutlich erhöhen, in Baden-Württemberg sind es sogar 46 Prozent. Mit den aktuellen Sparraten erhalten die Sparer im Rentenalter im Bundesdurchschnitt 290 Euro im Monat und können damit die GRV um mehr als zehn Prozent des letzten Einkommens ergänzen. Die heute 20- bis 35-Jährigen kommen mit ihrem Riester-Vertrag sogar auf einen Wert von 14,1 Prozent. Im Schnitt sind dies monatlich 392 Euro.

Raffelhüschen: An zweiter Stelle steht die betriebliche Altersvorsorge (bAV), die rund acht Millionen Menschen abgeschlossen haben. Das entspricht einer Partizipationsquote von 16,3 Prozent. In Baden-Württemberg liegt die Quote mit 20 Prozent über dem bundesweiten Wert. Jüngere Personen in Baden-Württemberg verfügen hingegen seltener über eine betriebliche Absicherung. Bei der bAV wird der Sparer über den Steuer- beziehungsweise Beitragsvorteil gefördert.  Darüber hinaus hängt der Abschluss einer bAV am Arbeitsverhältnis. Es besteht zwar ein gesetzlicher Anspruch auf betriebliche Altersversorgung in Form von Entgeltumwandlung – ob der Arbeitgeber diese aktiv anbietet oder sich an den Beiträgen beteiligt, bleibt jedoch ihm überlassen. Im Schnitt erhalten die Sparer 575 Euro, die Baden-Württemberger kommen auf 628 Euro. Damit können die Menschen im Ländle durchschnittlich 15,5 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzen.

Reinke:  Das jüngst verabschiedete Betriebsrentenstärkungsgesetz war ein wichtiger Meilenstein. Die Anpassungen in der betrieblichen Altersvorsorge und der Riester-Rente waren richtig und notwendig. Sie stärken das deutsche Vorsorgesystem  wesentlich.  Gleichwohl  wird  es auch künftig erforderlich sein, das System zu optimieren. Insbesondere bei der Riester-Rente gibt es noch Möglichkeiten, die Akzeptanz zu erhöhen und die Verbreitung auszubauen. So könnten alle Bevölkerungsgruppen in die Riester-Rente einbezogen, die steuerliche Förderhöchstgrenze dynamisiert oder zusätzliche Anreize wie eine Treuezulage eingeführt werden.

Und wer sollte darüber hinaus noch Geld zurücklegen?

Raffelhüschen:  Auch  privat  angesparte  Geld- und Immobilienvermögen sind ein weiterer wichtiger Baustein der Altersvorsorge und ersetzen im Durchschnitt gut ein Viertel des Einkommens bei Renteneintritt. Verfügen Menschen über Ansprüche aus allen drei Schichten, können sie durchschnittlich auf mehr als 80 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens kommen, Baden-Württemberger erreichen sogar 86 Prozent. Das ist deutlich mehr als die zur Lebensstandardsicherung erforderlichen 60 Prozent.

Reinke: Vor allem für junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren und Personen mit einem hohen Einkommen ist das privat angesparte Vermögen von Bedeutung. Bei ihnen reicht eine Vorsorge in der ersten und zweiten Schicht nicht ganz aus, um die Versorgungslücke zu schließen. Für sie ist es daher ratsam, zusätzlich etwas zurückzulegen. Die  20-  bis  35-jährigen  Baden-Württemberger, welche im Rahmen aller drei Schichten vorsorgen, erzielen  im  Durchschnitt  eine  Ersatzquote  von 72,3 Prozent und haben monatlich rund 159 Euro mehr als das definierte Minimum. Menschen in Baden-Württemberg mit einem Einkommen von mehr als 2.000 Euro pro Monat können insgesamt 68,8 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens ersetzen.

Vorsorgeatlas Deutschland

Der Vorsorgeatlas Deutschland gibt ein nahezu vollständiges Bild über die Situation der Altersvorsorge. Betrachtet werden dabei nicht die aktuellen Altersbezüge, sondern die zu erwartenden Renten der zukünftigen Rentnerjahrgänge. Dabei erfasst der Atlas neben den „klassischen“ Alterssicherungssystemen der ersten Schicht (gesetzliche Rentenversicherung, Beamtenversorgung, berufsständische Versorgung) die Vorsorgewege der zweiten Schicht (Riester-Rente, betriebliche Altersversorgung, Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes) sowie das Geld- und Immobilienvermögen der Haushalte (dritte Schicht).

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