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Digitalisierung und Genossenschaften – Plattformen als Zukunftsmodell der digitalen Ökonomie

Digitalisierung und Genossenschaften
Cristine Lietz / pixelio.de

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Die Digitalisierung ist für Genossenschaften Herausforderung und Chance zugleich. Zum einen wächst der Wettbewerbsdruck, weil neue Konkurrenten in den Markt eintreten und gewohnte Geschäftsmodelle in Frage stellen. Zum anderen ergeben sich zahlreiche neue Möglichkeiten etwa zur Optimierung von internen Prozessen durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV) unterstützt seine Mitglieder aktiv bei der digitalen Transformation, fördert Genossenschaftsgründungen im Umfeld der Digitalisierung und setzt sich gegenüber der Politik für geeignete Rahmenbedingungen ein.

Der BWGV wirkt dazu bei der „Initiative Wirtschaft 4.0“ des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg mit (https://www.wir-leben-genossenschaft.de/de/Genossenschaften-im-Suedwesten-begruessen-Spitzentreffen-Initiative-Wirtschaft-4-0-6510.htm), zusammen mit mehr als 20 Partnerorganisationen aus Unternehmen, Kammern und Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik. Dabei wurden gemeinsame Handlungsempfehlungen erarbeitet und Modellprojekte entwickelt, die es nun umzusetzen gilt. Teil der Initiative ist auch das Dialogprojekt Handel 2030 (https://www.wir-leben-genossenschaft.de/de/Handel-2030-Genossenschaften-staerken-den-Einzelhandel-in-Baden-Wuerttemberg-5938.htm). Hier geht es vor allem darum, für den stationären Einzelhandel eine geeignete Verzahnung der Online und Offline-Welt herzustellen. Auch die Initiativen des Ministeriums Ländlicher Raum sind dabei im Blick, vor allem hinsichtlich digitaler Kommunen und der Förderung des Ländlichen Raumes. Darüber hinaus ist der BWGV Mitglied im Expertenkreis der Digitalakademie des Landes Baden-Württemberg, bei dem die digitale Entwicklung von Kommunen im Vordergrund steht.

Der BWGV berät seine Mitglieder und Kunden außerdem umfassend, z.B. bei der Entwicklung digitaler Strategien, bei der Analyse und Modellierung von Prozessen und beim Aufbau von Vertriebs- und Servicekonzepten. Er hilft beim gegenseitigen Erfahrungsaustausch und informiert über Best-Practice-Beispiele und Fördermittel zu Digitalisierung wie bspw. der Digitalisierungsprämie des Landes Baden-Württemberg. Die BWGV-Akademie bietet darüber hinaus Fortbildungen zum Kompetenzaufbau „Online, IT, Datenschutz“ sowie Grundlagen der DSGVO an. 2018 ist außerdem der Zertifikatslehrgang zum Online-Händler gestartet, der u.a. die Wissensgrundlagen für eine Online-Strategie und technisches und logistisches Know-how vermittelt. Diese Angebote wurden den BWGV-Mitgliedern im September 2018 in einer Informationsveranstaltung zur Digitalisierung vorgestellt. (http://www.onlinehaendler-werden.de/)

Digitalisierung und Genossenschaftsbanken

Die Genossenschaftsbanken stehen angesichts des Wettbewerbs von Internet-Direktbanken aber auch FinTechs, die insbesondere den Zahlungsverkehr stark verändern, besonders unter Druck. Die Genossenschaftliche FinanzGruppe einschließlich aller Volksbanken und Raiffeisenbanken haben die Herausforderungen erkannt und entwickeln unter der Federführung des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) im Rahmen verschiedener zentraler Projekte Lösungsansätze und Unterstützungsleistungen für alle Volksbanken und Raiffeisenbanken. Im Juni 2018 haben sie den Startschuss für weitere Investitionen ihre Informationstechnologie in Höhe von 500 Millionen Euro gegeben. Ziel ist, ihr Omnikanalmodell weiterzuentwickeln und für ihre Mitglieder und Kunden alle Zugangswege – von der Filiale über das Servicecenter bis zum Smartphone – stärker integriert anzubieten.

(https://www.bvr.de/Presse/Alle_Meldungen/Genossenschaftsbanken_starten_Digitalisierungsoffensive)

In enger Zusammenarbeit zwischen dem BVR, den Unternehmen der Genossenschaftlichen Finanzgruppe sowie der Fiducia &GAD wurden zahlreiche fachliche Zielbilder und Anforderungen an die technische Infrastruktur erarbeitet. Ende 2018 wurde mit der „Eröffnung Union-Depotonline“ im Rahmen einer Testphase ein erstes Leistungspaket umgesetzt.

Potenziale für Genossenschaften

Die Digitalisierung bietet aber auch große Potenziale für die Gründung von neuen Genossenschaften. Im heutigen globalisierten und liberalisierten Wirtschaftsumfeld müssen viele kleine und mittlere Unternehmungen Kooperationen eingehen, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Die Wirtschaft wird dezentraler, projektorientierter und flexibler. Unternehmen bleiben dabei kleiner strukturiert und bilden nur einen Teil der Wettbewerbskette ab. Die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft ist ein etabliertes Organisationsprinzip, das die Möglichkeiten der zielgerichteten und verbindlichen Zusammenarbeit bietet ohne die rechtliche Selbstständigkeit aufzugeben.

Die Kooperation im Rahmen einer Genossenschaft bietet besonders in drei Bereichen Vorteile:

  1. Open Innovation / Co-Creation: Organisation von Innovationen in der Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft. Besonders relevant in den Bereichen IT und Forschung & Entwicklung und im Bereich der Künstlichen Intelligenz (Bsp: OSADL eG).
  2. Share-Economy: Bei der sog. Share-Economy werden Ressourcen – von Autos und Fahrrädern über 3D-Drucker zu Büroräumen oder gemeinsame Lieferdienste von Händlern – geteilt. Diese können in Genossenschaften kooperativ geteilt werden. Durch die Digitalisierung gewinnen diese Share-Economy Dienste immer  mehr an Bedeutung (Bsp: teilAuto Neckar-Alb eG, BIKEAGE eG).
  3. Plattformökonomie: Mittlerweile sind die größten Unternehmen weltweit sogenannte Plattform-Unternehmen, z.B. Amazon, Apple, Google oder Facebook. Sie bieten Produkte und Dienstleistungen meist nicht selbst an, sondern vermitteln nur zwischen Händlern und Konsumenten. Genossenschaften bieten das Potenzial, solche Plattformen unter Eigenregie der Mitglieder zu bilden.

Aufbau von Plattformgenossenschaften

Plattformen sind das zentrale Geschäftsmodell der digitalen Ökonomie. Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen arbeiten inzwischen als Vermittler zwischen Anbieter und Nachfrager, darunter Google, Facebook, Amazon oder Alibaba. Diesen global agierenden Großunternehmen können auch genossenschaftliche Unternehmen nicht so leicht Konkurrenz machen. Aber Plattformgenossenschaften könnten genau das Experimentierfeld sein, um zu zeigen, wie ökonomische Produktion, menschliche Beziehungen und soziale Eingebundenheit in der Digitalwirtschaft gemeinsam funktionieren.  Sie verbinden dabei vier Grundprinzipien: kollektive Eigentümerschaft, demokratische Organisation, Co-Design der Plattform und Open-Source.

Beispiele zeigen, dass Plattformgenossenschaften vor allem dort Erfolg haben, wo sie lokal verankert sind oder ein sehr spezielles Feld bedienen. Durch die Vernetzung der lokalen Akteure (online und offline) können genossenschaftlich organisierte Plattformen Handels-, Dienstleistungs- und Behördenangebote bündeln und damit die Wirtschaft vor Ort und insbesondere die Nahversorgung im ländlichen Raum stärken. Solche Online-Portale stellen einen Marktplatz für lokale Geschäfte und regionale Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung und eröffnen gleichzeitig die Möglichkeit, Kunden umfassend zu informieren und ihnen dieselben Annehmlichkeiten zu bieten wie große Plattform-Unternehmen. Gleichzeitig bleibt aber die Wertschöpfung vor Ort. Idealerweise könnten damit auch die Verwaltung, Vereine etc. verknüpft sein sowie die Plattform anschlussfähig an andere Regionen bzw. Ebenen sein, damit neben den lokalen und regionalen Initiativen ggf. eine große Plattform daraus erwächst.

Diese Ideen für Plattformgenossenschaften bringt der BWGV auch in Initiativen der baden-württembergischen Landesregierung ein. Beim Förderwettbewerb zu lokalen Online-Marktplätzen des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz würde sich partiell die Organisation dieser lokalen Plattformen als eG lohnen. Im Rahmen des Dialogprojekts Handel 2030 des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau könnten Genossenschaften als Organisationsstruktur für (regionale) Einzelhandels- und Innenstadtentwicklungsinitiativen fungieren. Gleiches gilt für evtl. Teilprojekte der „Initiative Wirtschaft 4.0“ des Wirtschaftsministeriums unter Einbeziehung von WirtschaftsförderInnen.

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