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"Auch im Weinbau ist die Strukturveränderung in vollem Gang"

Weinlandschaft mit Weinreben
Bernd Kasper / pixelio.de

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Friedrich Schill war 24 Jahre lang Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Oberbergen im Kaiserstuhl eG, Vogtsburg. Er nahm im BWGV viele Mandate wahr – im Präsidium, als stellvertretender Vorsitzender im Verbandsrat und als Vorsitzender im Fachrat der ländlichen Ware. Ulrich Maile war seit 1993 bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender der Lauffener Weingärtner eG. Bis 2014 war er Mitglied im Fachausschuss Wein des BWGV, zuletzt dessen Vorsitzender, und seit 2009 Mitglied im Fachrat ländliche Ware. Die beiden Persönlichkeiten schildern im Geno-Graph-Interview die vergangenen und zukünftigen Herausforderungen des genossenschaftlichen Weinbaus.

Herr Maile, Herr Schill, wenn Sie auf die Weinerzeugung von vor 30 oder 40 Jahren zurückblicken: Wie war das früher? Hieß das Hauptmotto im Weinberg „möglichst viel Hektarertrag“? Und wie war die Arbeit im Keller im Gegensatz zu heute?

Ulrich Maile: Nachdem jede Zeit ihre eigenen Antworten braucht, war die Zeit in den 1980er Jahren im Weinbau eher von Ertragssicherheit in Bezug auf Menge geprägt. Dies wirkte sich in erster Linie in der Züchtung aus. In der Erhaltungszüchtung fokussierte man sich vor allem auf unsere traditionellen oder auch teilweise autochthonen Rebsorten, was meiner Meinung nach durchaus richtig war. Leider ließ man aber auf Grund der angestrebten Mengenerträge die aus Gründen der Krankheitsanfälligkeit sehr wichtige Lockerbeerigkeit, aber auch eine gewisse Stabilisierung gegen Pilzkrankheiten und in der neueren Zeit wichtiger gewordenen Widerstandsfähigkeit gegen Viruskrankheiten und Abbauerscheinungen eher außer Acht. Im Keller war auf Grund der arbeits- aber auch betriebswirtschaftlichen Komponenten vor allem in Württemberg die Maischehocherhitzung oder thermische Bearbeitung angesagt. Zur besseren Verarbeitung, vor allem in problematischen Jahrgängen, war dies sicher richtig und sinnvoll, aber nicht zielführend. Ich bin froh, dass wir heute eine gute Balance zwischen Maischehocherhitzung, Maischegärung aber auch zwischen Edelstahlausbau und Holzfasslagerung gefunden haben. Völlig unverständlich war für mich als junger Aufsichtsrat, dass wir für die damalige Zeit die vielleicht richtige, aber für mich nicht nachvollziehbare Entscheidung getroffen haben, unseren gesamten Holzfasskeller zu leeren.

Friedrich Schill: Auf Grund des Auszahlungssystems in den Genossenschaftsbereichen in Baden ist schon seit vielen Jahrzehnten alljährlich die Qualität oberstes Gebot. Der Zu- oder Abschlag von 2 bis 4 Prozent pro Öchslegrad, je nach Betrieb, hat schon immer zu Qualitätserzeugung bei den Winzern angeregt. Die Nachfrage nach Wein in den 1960er und 1970er Jahren war gut, daher wurde die Weinbaufläche auch ausgeweitet. Ende der 1970er Jahre kam dann der Anbaustopp, sodass keine neuen Rebflächen mehr angepflanzt werden durften. Bei den Erträgen gab es, auf Grund des Anschnitts mit zwei Ruten pro Stock, größere Ertragsschwankungen. In den 1980er Jahren waren dann die Erweiterungsflächen voll im Ertrag, sodass auf einmal genügend Wein auf dem Markt war. Nach den beiden ertragreichen Jahren 1982 und 1983 kam dann auf einmal der Ruf nach der Mengenbegrenzung. Die Diskussion über die Mengenbegrenzung wurde von Seiten der Winzer und den Genossenschaften sehr kontrovers diskutiert. Ein Teil der Betriebe wollte die Mengen bei 70 Hektoliter je Hektar festgeschrieben haben und der andere bis zu 100 Liter pro Hektar. Die Politik ließ sich Zeit und regelte dies in den einzelnen Weinbaugebieten unterschiedlich. Für Baden schrieb dann das MLR 1990 die 90-hl/ha Vermarktungsmenge fest. Die Vermarktungsregelung führte dann bei den Winzern, auch auf Empfehlung der Genossenschaften, zu dem Einbogen-Anschnitt. Dadurch sind die Erträge ausgeglichener und die Qualitäten erheblich gesteigert.

Friedrich Schill und Ulrich Maile Wein Interview
Friedrich Schill (links) und Ulrich Maile sind überzeugte Genossenschafter und können auf Jahrzehnte der Entwicklung des Weinbaus in Baden-Württemberg zurückblicken.

In der Technik hat sich beim Winzer und in der Kellerwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel verändert: die Spritztechnik für den Pflanzenschutz, die Maschinen allgemein, die modernen Maschinen für das Pflanzen von Jungreben und die modernen Drahtrahmen in unseren Rebanlagen, die auch zur Verringerung des Arbeitsaufwands beitragen. Nicht zu vergessen die notwendigen Flurneuordnungen zur besseren Bewirtschaftung. Auch in der Kellerwirtschaft ist die Technik zum Wohl der Qualität nicht stehengeblieben. Wir kommen von der Korbpresse über die Spindelpresse und Schneckenpresse zu den qualitätsschonenden Niederdrucktankpressen bis zu den kühlfähigen Edelstahltanks für die Gärung. Sehr beliebt sind jedoch noch das Holzfass für die Lagerung hochwertiger Weine und das Barrique-Fass für den Ausbau besonderer Weinqualitäten. Die Stilistik der Weine hat sich immer wieder verändert und wurde dem Verbraucher angepasst. Denken wir nur an die fruchtigen Rotweine über die Maischeerhitzung oder die gerbstoffreicheren Rotweine über die Maischegärung. Ganz wesentlich veränderten sich der Weinmarkt und die Vermarktungsstruktur sowie das Kaufverhalten der Konsumenten. Der Weinfachhandel von früher hat sich in gut sortierte Weinabteilungen im Lebensmittelhandel und im Discount integriert. Der Verbraucher geht sehr oft auf Schnäppchenjagd. Diesen Veränderungen muss sich unsere gesamte Wirtschaft stellen. Der Gestrige hat keine Zukunft.

Hat sich das Verhältnis zwischen Mitglied und Genossenschaft in den vergangenen Jahren verändert? Wenn ja, wie?

Maile: Das Verhältnis zwischen Mitglied und Genossenschaft hat sich zwangsläufig durch die strukturellen Veränderungen, aber auch durch den globalen Wettbewerb verändert. Unsere Mitglieder-Strukturen sind heute eher von spezialisierten Vollerwerbsbetrieben (Lauffener Weingärtner eG 70 Betriebe) und weniger von Nebenerwerbsbetrieben geprägt. Damit sind die heutigen Weinbaubetriebe sehr kapitalintensiv und fordern vom Betriebsleiter eine überdurchschnittliche Qualifikation, um den Ansprüchen eines gut organisierten, vor allem um den arbeits- und betriebswirtschaftlichen Ansprüchen einer modernen, von der Tradition – aber nicht von industriellen Strukturen – geprägten Weinbaubetriebs gerecht zu werden. Ich freue mich, dass die genossenschaftliche DNA heute eine Renaissance erlebt, denn gerade unter den heutigen Gesetzmäßigkeiten kann ich mir kaum eine modernere, vor allem den Menschen dienende Unternehmensform vorstellen.

Schill: Die Geschäftsform Genossenschaft müssten wir heute erfinden, wenn es sie nicht gäbe. Aber die Treue und die Bindung des einzelnen Mitglieds zum Betrieb sind globaler geworden. Den Raiffeisen-Slogan ,,Einer für Alle und Alle für einen“ beherzigen heute nicht mehr alle Mitglieder. Geschäftsbeziehungen sind sehr oft an Personen und Erfolg gebunden. Wir können heute teilweise von einem Mitgliedertourismus sprechen. Es gibt Mitglieder, die mit ihren Erzeugungsflächen in verschiedenen Gemarkungen auch differenziert in verschiedenen Betrieben abliefern. Auch gibt es Mitgliedsanträge zum Wechseln von einem zum anderen Genossenschaftsbetrieb.

Welche Strukturveränderungen sind für die genossenschaftliche Weinerzeugung zu erwarten?

Maile: Unsere Kundenstrukturen haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert, was letztlich dazu geführt hat, dass mittlerweile fünf Kunden 80 Prozent unserer Weine kaufen. Sicher wird es in Zukunft auch immer wieder weinbauliche Selbstvermarkter mit einer entsprechenden finanziellen Ausstattung geben, die teils aus ideologischen oder Gründen der Selbstverwirklichung Wege suchen, die Vermarktung ihrer Weine im eigenen Weingut umzusetzen. Dies ist sicher sehr respektabel und mutig, kann aber nicht auf dem Rücken der stabilisierenden Wirkung der Genossenschaften am Markt erfolgen. Wenn wir unseren „Laden“ zusammenhalten wollen, müssen wir unsere Genossenschaften sehr stringent, aber auch den heutigen Bedürfnissen unserer Weinbaubetriebe angepasst, organisieren. Wir müssen bereit sein, unsere Satzungen an der einen oder anderen Stelle noch präziser zu formulieren und das Genossenschaftsgesetz so zu interpretieren, dass es unsere Mitgliedsbetriebe stützt, stabilisiert und, so wie die Genetik der Genossenschaften es vorsieht, vollumfänglich fördert. Und wenn man fördert, ist fordern ganz nah. Das heißt, Genossenschaften können keine Resteverwerter sein, sondern Vollablieferungspflicht und die vom Gesetzgeber zugestandene Einbetriebsregelung gehören untrennbar zu diesem Projekt.

Schill: Auch im Weinbau ist die Strukturveränderung in vollem Gang. Während früher die Betriebe Mischbetriebe mit Landwirtschaft (auch Vieh), Wein-, und Obstbaubetriebe waren, sind es heute meist reine Weinbaubetriebe. Anfang der 1960er Jahre konnte noch eine Familie von einem Hektar Reben leben. So damalige Berichte aus den Generalversammlungen. Viele der damaligen Betriebe wurden in der Folge als Nebenerwerbsbetriebe bis in die Neuzeit weitergeführt. Daher die hohe Mitgliederzahl in den badischen

Weintrauben

Winzergenossenschaften. Die durchschnittliche Rebfläche pro Mitglied liegt unter einem Hektar. Haupterwerbsbetriebe der vergangenen 15 bis 20 Jahre lagen bei einer Betriebsgröße von 5 bis 10 Hektar Rebfläche noch in Verbindung mit Obst und einer Abfindungsbrennerei. Mit dem Eintritt in das Rentenalter der einzelnen Betriebsleiter übernehmen Haupterwerbsbetriebe die Flächen und stocken ihre Betriebe auf. Ein für die nächste Generation zukunftsfähiger Haupterwerbsbetrieb braucht eine Fläche von 15 bis 30 Hektar. Im Nebenerwerb wird es zunehmend schwieriger, einen Weinbaubetrieb zu führen. Der Arbeitsplatz verlangt heute von den Mitarbeitern volles Engagement und vollen Einsatz für den Betrieb, sodass immer weniger Zeit für einen Nebenerwerb im Weinbau übrig bleibt. Die Kosten für notwendige Maschinen, den Pflanzenschutz, die Anlagenkosten bei Neupflanzungen oder Neumaschinen, die Versicherungen usw. sind ständig im Fluss. Die Spanne zwischen Rohertrag und Kosten wird immer dünner, sodass das Einkommen über mehr Bewirtschaftungsfläche stabilisiert werden muss. Qualität zu erzeugen muss auch in Zukunft für kleinere und größere Betriebe an vorderster Stelle stehen. Ohne Qualität hat einen Vermarktungsbetrieb am Markt keine Chancen.

Alle Welt redet vom Klimawandel: Dürre, Starkregen, Hagel, Bodenerosion sind hier einige Stichworte im Zusammenhang mit Extremwetterlagen. Wie können der Winzer, der Weingärtner, die Genossenschaft dem begegnen?

Maile: Auch Genossenschaftswinzer leben unter dem gleichen Himmel wie ihre Kollegen der Weingüter oder Kellereien. Um diese große Herausforderung der Klimaveränderung zu meistern, bedarf es des Engagements aller. Am allerwichtigsten ist der politische Wille, sich diesen Fragen, die sich aus dieser Entwicklung ableiten lassen, zu stellen. Dazu gehört politisch mehr Mut und Klientelpolitik darf keinen Platz haben. Wir als Weingärtner und Winzer sind zwangsläufig näher am Thema und damit außergewöhnlich gut geerdet. Was uns bleibt, ist uns von der Dürre oder entsprechenden Trockenperioden unabhängiger zu machen. In Lauffen wurde bereits seit den 1950-er Jahren in Bewässerungsanlagen investiert, mit der Folge, dass wir heute 80 Prozent unserer Rebanlagen zusätzlich bewässern können. Klar ist, dass auf Grund der Klimaveränderung Unwetter zunehmen werden, denen wir in Bezug auf Bodenerosion mit einer dauerhaften Begrünung begegnen und damit nachhaltig sowohl den Boden als auch die Nährstoffe entsprechend schützen können. Auch werden wir uns in Zukunft mehr mit unwetterbedingten Hagelereignissen auseinandersetzen müssen. Als praxistaugliche Lösung sehe ich den bewährten Hagelflieger. Aber als Vorsitzender einer Interessengemeinschaft für Hagelflieger erlebe ich auch zum einen immer den Konflikt mit den Hagelversicherern, die meinen, damit ihr Geschäftsmodell zu verlieren, und auf der anderen Seite fehlt mir für die Hagelflieger das Interesse der Industrie, der Bevölkerung im Allgemeinen und der kommunalen Körperschaften im Besonderen.

Schill: Wenn wir zurückblicken, gab es schon immer bestimmte Klimazyklen. Natürlich sprechen wir von Extremwetterlagen, oder Extremniederschlägen - auch mit Hagel. Das Land Baden-Württemberg fördert die Tröpfchenbewässerung. Hagelschäden sind versicherbar. Derzeit gibt es bei den Berufsverbänden die Diskussion über die Bereitstellung und die Finanzierung der Hagelflieger. Wenn wir über eine solche Einrichtung Hagelwetter verhindern oder in ihrem Ausmaß reduzieren könnten, wäre dies nicht nur für den Winzer, sondern auch für die Genossenschaft von großem Vorteil. Ernteausfälle sind für die Winzer und für den Vermarkter immer eine herbe Zeit. Keine Ware ist schlechter als zu viel Ware. Die Bodenbearbeitung im Weinbau hat sich gegenüber früherer Zeit wesentlich verändert. Außer in Junganlagen werden die Böden maximal einmal umgebrochen; ansonsten wird eine Dauerbegrünung gepflegt. Selbst in Junganlagen gibt es Einsaaten, die eine Bodenerosion minimieren beziehungsweise verhindern und den Humusgehalt im Boden erhöhen respektive fördern.

Ganz wesentlich für die Branche sind die politischen Rahmenbedingungen, auch und besonders auf EU-Ebene. Gilt hier der Spruch „Früher war alles besser“?

Maile: Die politischen Rahmenbedingungen sind das unverzichtbare Element unserer Arbeit, aber dazu gehört vor allem der politische Wille, vielleicht auch nur die Information oder das Wissen unserer Entscheidungsträger. Die gewünschte Wirtschaftsunion der Gründerväter der europäischen Gemeinschaft, beginnend in den 1950er Jahren, war ein kluges Projekt. Allerdings kann es ohne politische Verantwortung aller Staaten nicht funktionieren und deshalb bedarf es vor allem organisatorischer Veränderungen, wobei man kulturelle und ethnische Fragen nicht ausklinken darf. Länderspezifische, politische, Finanz- und Wirtschaftsstrukturen führen zwangsläufig zu einer Wettbewerbsverzerrung hinsichtlich der Produktionsstandorte, was unter anderem, um beim Wein zu bleiben, unseren Marktanteil in Deutschland auf 37 Prozent reduziert hat. Wenn dies der politische Wille ist, kann man es vielleicht verstehen, darf es nach meiner Ansicht aber nicht akzeptieren.

Schill: Ich wehre mich gegen eine pauschale Aussage, früher sei alles besser gewesen. Selbstverständlich hat der Bürokratismus zwischenzeitlich unzumutbare Formen angenommen, wobei nicht alle Forderungen zum Bürokratismus aus Brüssel kommen. In der Bewirtschaftung hat sich einiges auch zum Vorteil verändert. Denken wir nur an den Pflanzenschutz, indem wir durch die Pheromonverwirrung größtenteils von den Insektiziden weg gekommen sind. Die vielseitigen Handarbeiten sind mittlerweile maschinell zu bewerkstelligen. Das erleichtert die Arbeit. Sehr positiv sind die vielen Förderungen in der Landwirtschaft von EU, Bund und Land. Den Betriebsleitern wäre es jedoch lieber, dass der Markt kostendeckende und lebensfähige Preise bietet. Aber die Märkte sind
nun einmal global.

Der Fachausschuss Wein als Untergruppierung des BWGV-Fachrats ländliche Ware, deren Mitglieder Sie in verantwortlichen Positionen waren: Was hat dieses Gremium aus Ihrer Sicht bewirkt beziehungsweise auch nicht bewirkt?

Maile: Dankbar bin ich für die Zeit, in der ich die Positionen des Weinbaus im Fachrat für die ländliche Ware im BWGV vertreten durfte. Dem Fachausschuss für Wein gehörte ich seit Beginn meiner Vorstandstätigkeit vor über 23 Jahren an. Zunächst in Württemberg, dann nach der Fusion mit dem badischen Verband im neu geschaffenen BWGV-Fachausschuss Wein. In den letzten Jahren war ich dessen Vorsitzender, was für mich eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe war. Zunächst ist der Fachausschuss immer noch von den unterschiedlichen Mentalitäten der badischen und württembergischen Kollegen geprägt, was sicher kein Nachteil ist, sondern so wie ich es erlebt habe, fast immer befruchtend im Sinne unseres gemeinsamen Ziels gewirkt hat. Verantwortlich dafür sind nach meiner Meinung die uns alle gemeinsam tragende genossenschaftliche Idee und nicht zuletzt die vom Weinbau geprägten Menschen, die allein schon vor ihrem kulturellen Hintergrund eine besonders geerdete Grundeinstellung haben. Wichtig war, dass wir uns als Gemeinschaft und Vertretung aller baden-württembergischen Winzer- und Weingärtnergenossenschaften aktuell, aber auch langfristig positioniert haben. Die politische Interessensvertretung ist nach der Fusion deutlich besser geworden, da man sich nur noch mit einer Stimme artikulieren konnte. Allerdings müssen wir auch auf Grund der Tatsache, dass wir in unserem Bundesland immer noch zwei Weinbauverbände haben, viele Fragen stellen. Für mich stellt sich die Frage, schaffen wir es auch vor dem Hintergrund der politischen Wahrnehmung, unsere Weinbauverbände zu einer schlagkräftigen Interessenvertretung unserer Weinbaubetriebe zusammenzuführen? Andernfalls wäre es sicher sinnvoll, dass wir uns als genossenschaftliche Gruppe mit einer Marktdurchdringung von rund 70 Prozent vom Weinbauverband unabhängiger solidarisieren.

Schill: Ich bedauere, dass im Fachausschuss Wein keine Einigung über eine Weiterführung der genossenschaftlichen Weinwerbung in Baden möglich war. Hier ist Württemberg nach wie vor ein Vorbild.

Herr Maile, Herr Schill, Sie sind beide nun quasi im (Un-)Ruhestand? Welche Pläne haben Sie?

Maile: Ganz sicher werde ich die eine oder andere Aufgabe im Interesse unserer Wengerter und Winzer gerne weiterführen oder eventuell auch neu beginnen. Aber als wichtigstes Anliegen werde ich meine Minuspunkte, die ich innerhalb meiner Familie in den letzten Jahren angesammelt habe, versuchen etwas abzubauen. Ebenfalls werde ich mir mit Freude und ohne Zeitdruck die Arbeit in unserem Weinbaubetrieb etwas versuchen einzuteilen und meiner Lebensweisheit treu bleiben: „Sagen, was ist. Tun, was man sagt. Und sein, was man tut“.

Schill: Es gibt ein Sprichwort: ,,Einmal muss geschieden sein.“ Nach 38 Jahren genossenschaftlicher Verantwortung denkt man gerne an Höhen und Tiefen zurück. Man begleitet gerne den Fortgang der Unternehmen. Einen Ruhestand im klassischen Sinn gibt es in unserem Berufsstand nicht. Gerne schaltet man ein bis zwei Gänge zurück und widmet sich auch den Kindern und Enkelkindern. Aber mit dem Weinbau wird, solange die Kräfte reichen, die enge Verbindung bleiben.

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