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Energiegenossenschaften vermarkten ihren Strom selbst - Gefahr durch die EEG-Reform

HEG Heidelberger Energiegenossenschaft
HEG Heidelberger Energiegenossenschaft

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Jede vierte Photovoltaik-Genossenschaft im Südwesten verkauft ihren Strom inzwischen selbst. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) hervor. Der günstige Sonnenstrom wird direkt von den Nutzern der Gebäude, auf denen sich die Anlagen befinden, verbraucht und nicht mehr ins öffentliche Netz eingespeist. Der Vorteil: Die Verbraucher haben deutlich geringere Stromkosten und bremsen auch den allgemeinen Strompreis-Anstieg. Die nun geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) bedroht jedoch diese positive Entwicklung.

 „Mit dem Direktvertrieb vor Ort haben sich die Energiegenossenschaften ihrer Verantwortung gestellt und Wege gefunden, Strom aus erneuerbaren Energien ohne Belastung der EEG-Umlage zu erzeugen“, betont BWGV-Präsident Dr. Roman Glaser. Der Strom, der direkt vor Ort verkauft wird, kommt Mietern in Wohngebäuden und kleinen Gewerbebetrieben zugute. Da er nicht ins öffentliche Netz eingespeist wird, fällt für diesen Strom auch keine Einspeisevergütung an. „Durch den günstigeren Strompreis profitieren endlich auch die Menschen von der Energiewende, die sich keine eigene Anlagen leisten können“, erläutert Glaser die Vorteile dieses Modells.

Wachstumsmarkt für die Zeit nach der Einspeisevergütung

Wie dies funktioniert, zeigt etwa die Heidelberger Energiegenossenschaft. Insgesamt 15 Solarstrom-Anlagen der jungen Genossenschaft liefern Strom an die Mieter in den jeweiligen Gebäuden. „Die Anlagen sind nach Osten und Westen ausgerichtet, sodass über den Tag möglichst gleichmäßig Strom erzeugt wird“, erklärt Nicolai Ferchl, Vorstand der Heidelberger Energiegenossenschaft. Das Erfolgsmodell hat sich durchgesetzt und wird inzwischen standardmäßig bei neuen Anlagen verwendet. „Die Energiegenossenschaften haben sich hierdurch einen Wachstumsmarkt für die Zeit nach der Einspeisevergütung geschaffen“, betont Glaser.

Gabriel-Reform bedroht ein Erfolgsmodell

Doch die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes könnte das Erfolgsmodell stoppen. Die Bundesregierung plant, die lokale Vermarktung des Solarstroms stärker zu belasten. Laut Gabriel sollen die Gemeinschaftsunternehmen zukünftig ihren selbst erzeugten Strom vor Ort nur mit vollem EEG-Umlage-Aufschlag direkt liefern dürfen – auch ohne Nutzung des öffentlichen Netzes. Anlagen ab 100 Kilowatt müssten sogar verpflichtend direkt vermarkten, sodass der lokale Verkauf gar nicht mehr möglich wäre. „Die Situation ist absurd“, sagt Glaser. „Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr die Betreiber von Solaranlagen aufgefordert, sich dem Markt anzupassen. Nachdem diese neue Modelle entwickelt haben, kommt nun die Rolle rückwärts – auch bestehende Anlagen wären betroffen.“ Die Zahlen des BWGV zeigen, dass in Baden-Württemberg rund 100 Bürgersolaranlagen in ihrer Wirtschaftlichkeit akut gefährdet wären – darunter viele Anlagen, die in den letzten Monaten ans Netz gingen oder aktuell geplant sind.

Die Verunsicherung ist groß: Die bundesweit 800 Energiegenossenschaften mit ihren 200.000 Mitgliedern haben bislang rund 1,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. Nach Schätzungen der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) in Berlin werden allein in diesem Jahr etwa 300 Millionen Euro an Investitionen in allen Teilen Deutschlands zurückgestellt. An den aktuell 140 Energiegenossenschaften im Südwesten sind mehr als 25.000 Mitglieder beteiligt. Baden-Württemberg ist das Flächenland mit der größten Dichte an Energiegenossenschaften. Den Großteil bilden Photovoltaik-Genossenschaften.BWGV ist strategischer Partner der Energiegenossenschaften.

Der BWGV unterstützt die Energiegenossenschaften in Baden-Württemberg als strategischer Partner. Der Verband verstärkt seine Beratung, um Neugründungen und bereits bestehende Genossenschaften intensiv und langfristig begleiten zu können. „Unsere jahrzehntelange Erfahrung in der Beratung und Prüfung genossenschaftlicher Unternehmen aller Branchen kommt gerade den oft noch jungen Energiegenossenschaften zugute“, verdeutlicht Glaser. Diese stehen vor der Herausforderung, langfristig tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln, die nicht allein auf Photovoltaik basieren. Stichworte dabei sind: Windkraft, Biomasse, Nahwärmenetze, Energieeffizienz und auch Dienstleistungen rund um erneuerbare Energien. Mit dem Fachausschuss Energiegenossenschaften, der kürzlich erstmals im baden-württembergischen Landtag getagt hat, bietet der BWGV diesen Unternehmen eine interessante Plattform zum Erfahrungsaustausch.

Mehr als 3,7 Millionen Menschen in Baden-Württemberg sind Mitglied mindestens einer Genossenschaft. „Das bedeutet, dass sich etwa jeder dritte Bürger im Land zum Genossenschaftswesen bekennt“, betont der BWGV-Präsident und ergänzt: „Die Mitglieder bilden das starke Rückgrat der Genossenschaften.“ Im Südwesten sind gut 34.000 Menschen in genossenschaftlichen Unternehmen beschäftigt. Zudem bilden die Genossenschaften in Baden-Württemberg insgesamt fast 3.200 junge Menschen aus. Der BWGV feiert im laufenden Jahr sein 150-jähriges Bestehen.

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