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Weinlese in Württemberg: Etwas geringere Erträge aber hervorragende Qualitäten

Jochen Clauss, Vorstandsmitglied Weingärtnergenossenschaft Esslingen eG
BWGV

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Sehr guter Herbst 2019 in Württemberg: Die Qualitäten sorgen für ausgesprochen zufriedene Gesichter bei den Weingärtnern. Die diesjährige genossenschaftliche Lesemenge liegt allerdings deutlich unter dem in Güte und Menge einzigartigen Vorjahr. „Die 2019er-Weine aus Württemberg versprechen ganz hervorragend zu werden. Die Weinliebhaber können sich sehr auf den Jahrgang freuen“, sagt Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), zum Finale der Weinlese 2019 in den Räumen der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) in Möglingen (Landkreis Ludwigsburg). Fast 70 Prozent der Rebflächen in Württemberg werden genossenschaftlich erfasst.

Die Erntemenge der 36 Weingärtnergenossenschaften (WG) in Württemberg liegt dieses Jahr bei rund 63,5 Millionen Litern. Im Vorjahr hatten die württembergischen Weingärtnergenossenschaften noch 83,2 Millionen Liter in die Keller eingebracht. Der Ertrag 2019 liegt bei gut 85 Hektoliter je Hektar Rebfläche (2018: 113,3) – allerdings gibt es regionale Unterschiede und örtliche Einbußen durch Trockenheit, Hitzeschäden und Sonnenbrand. Die durchschnittlichen Mostgewichte bei den Hauptsorten liegen in Württemberg wie folgt: Riesling 86 Grad Oechsle, Schwarzriesling 90 Grad, Spätburgunder 89 Grad, Trollinger 77 Grad und Lemberger 86 Grad Oechsle. Die Hauptlese befindet sich derzeit auf der Zielgeraden und ist in vielen Betrieben bereits abgeschlossen.

Extrem warmer und sonniger Sommer in Württemberg

Nach der frühesten Lese aller Zeiten im Vorjahr herrschte dieses Jahr fast wieder Normalität in den Weinbergen. Die ersten Trauben wurden am 9. September geerntet, das Finale der Hauptlese in Württemberg läuft schon und endet durch die feucht-warme Witterung Ende September bereits in den kommenden Tagen. Das Vegetationsjahr erwies sich auch dieses Jahr wieder als außergewöhnlich: Nach einem eher gemäßigten Jahresbeginn und einem warmen März begann die Vegetation recht früh. Der kühle Mai bremste die Entwicklung etwas, sodass die Blüte der Trauben um den 20. Juni abgeschlossen war. Der Sommer wird vielen mit seinen Rekordtemperaturen von zum Teil über 40 Grad Celsius und schweren Gewittern in Erinnerung bleiben. Beides ging nicht spurlos an den Trauben vorüber. Die Weingärtner hatten oftmals Sonnenbrand an den Trauben zu beklagen. Als besonders anfällig erwiesen sich in diesem Jahr Riesling und Trollinger. Mancherorts kam es auch zu Schäden durch Frost. „Die Trauben befinden sich dennoch in einem sehr guten Gesundheitszustand“, berichtet Ute Bader, Fachberaterin Weinbau und stellvertretende Bereichsleiterin Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften beim BWGV. „Die Reben haben die Hitze und Trockenheit in den Sommermonaten in den meisten Fällen gut gemeistert und blieben ausreichend vital“, so Bader weiter. Die Expertin rechnet mit einem qualitativ sehr guten Jahrgang 2019 in Württemberg.

Der Absatz der württembergischen Weingärtnergenossenschaften mit eigener Kellerwirtschaft und eigenem Vertrieb ist im ersten Halbjahr 2019 in erster Linie durch geringere Offenweinverkäufe um 3,3 Millionen auf 31,6 Millionen Liter Wein und Sekt gesunken (minus 9,5 Prozent). Der Umsatz ging im gleichen Zeitraum um 5,3 Millionen Euro auf 95,5 Millionen Euro (minus 5,3 Prozent) zurück. Im Jahr 2018 haben die Weingärtnergenossenschaften 71,1 Millionen Liter Wein und Sekt verkauft (plus 1,8 Millionen Liter beziehungsweise 2,6 Prozent). Der Umsatz stieg derweil um 2,3 Millionen Euro (1,1 Prozent) auf 217,1 Millionen Euro.

Weinmarkt in Deutschland bleibt herausfordernd

Das Gesamtmarktvolumen für Wein in Deutschland war 2018 zum zwölften Mal in Folge rückläufig. Bei einem mengenmäßigen Rückgang von 3,3 Prozent war die wertmäßige Entwicklung mit plus 0,7 Prozent allerdings leicht positiv. Für das laufende Jahr deutet sich ein weiterer Rückgang der Käuferreichweite bei allerdings leicht steigender Intensität und leicht steigender Einkaufshäufigkeit an. „Die Hauptursachen für diese Entwicklung liegen im allgemein rückläufigen Mengenkonsum bei fast allen Gütern des täglichen Bedarfs und vor allem einem deutlich kritischeren Umgang der jüngeren Generation mit Alkohol“, berichtet Dieter Weidmann, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Weingärtner-Zentralgenossenschaft eG (WZG). Deutsche Weine können aktuell beim Absatz leicht zulegen und damit im fallenden Markt ihren Marktanteil von rund 45 Prozent halten, während ausländische Weine sowohl im Lebensmittelhandel als auch im Gesamtmarkt Mengeneinbußen hinnehmen müssen.

Nach den aktuellen Schätzungen der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) ist die Lücke zwischen weltweiter Weinerzeugung und Weinkonsum von historischer Dimension. So blieb zwar die bestockte Rebfläche sowohl innerhalb der EU als auch außerhalb Europas weitgehend stabil, aber die weltweite Weinerzeugung stieg nach der kleinen Ernte 2017 im Jahr 2018 um 17 Prozent auf 292,3 Millionen Hektoliter. Der Konsum macht dagegen keine entscheidenden Fortschritte. Die OIV sieht bei den bedeutenden Verbraucherländern mit einem Konsum von mehr als 10 Millionen Hektoliter pro Jahr nur noch in den USA, Russland und Spanien ein geringes Wachstum, weltweit dagegen einen leichten Rückgang. Weltweit klaffen Produktion und Konsum rund 46,3 Millionen Hektoliter auseinander. In Europa beträgt die Differenz sogar rund 55,9 Millionen Hektoliter.

Nach den Marktforschungsdaten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben deutsche Weine 2018 im mengenmäßig rückläufigen Gesamtmarkt etwas schlechter abgeschnitten als die internationale Konkurrenz. Der mengenmäßige Rückgang deutscher Weine betrug 3,9 Prozent, dem steht allerdings ein wertmäßiges Plus von 1,4 Prozent gegenüber. Der Durchschnittspreis aller im Lebensmittelhandel gekauften Weine ist im Vergleich zu 2017 um 5,9 Prozent auf 2,32 Euro je 0,75-l-Flasche gestiegen. Für deutsche Weine wurden durchschnittlich 2,54 Euro je Flasche und damit 18 Cent mehr ausgegeben. Für Württemberger Weine wurden 2018 durchschnittlich 3,06 Euro je 0,75-l-Flasche (2017: 2,99) bezahlt. Insgesamt hat sich der Preisabstand zwischen Württemberger Weinen und den großen deutschen Anbaugebieten im Jahr 2018 weiter verringert. Unter den deutschen Anbaugebieten liegt der Marktanteil Württembergs nach Menge bei elf Prozent und nach Wert bei zwölf Prozent.

Strukturwandel im Weinbau geht weiter

Auch 2018 setzte sich der Strukturwandel im Weinbau fort. Seit Jahren ist die Zahl der Betriebe in Württemberg rückläufig – von 16.200 im Jahr 2000 auf 8.450 zum Jahresende 2018. Insbesondere kleine Nebenerwerbsbetriebe geben vermehrt auf, während die Zahl der Betriebe über fünf Hektar kontinuierlich zunimmt – von 389 im Jahr 2000 auf 675 zum Jahresende 2018. In Württemberg arbeiten 35 Weingärtnergenossenschaften, darunter 15, die ihre Weine im eigenen Keller ausbauen, dazu kommt noch die WZG in Möglingen. Die Zahl der Mitarbeiter (inklusive der WZG) lag Ende 2018 bei 729 (2017: 724). Die genossenschaftliche Ertragsrebfläche in Württemberg ist von 7.370 Hektar in 2018 auf 7.410 Hektar in 2019 (plus 40 Hektar) gestiegen. Dies entspricht etwa 70 Prozent der Gesamtfläche. 2018 haben sich die Weingärtner Remstal, die Weingärtnergenossenschaften Strümpfelbach und Beutelsbach-Endersbach sowie die WGs in Groß- und Kleinheppach zur Weingärtner Remstal eG, Weinstadt, zusammengeschlossen. Im laufenden Jahr hat sich die Genossenschaft Weinfactum Stuttgart-Bad Cannstatt der Felsengartenkellerei Besigheim eG in Hessigheim angeschlossen.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Herausforderungen im Weinbau steht der BWGV seinen Weingärtnergenossenschaften als strategischer Partner unterstützend zur Seite und intensiviert weiter sein Engagement in der Beratung. „Eine Genossenschaft hat in ihrer Zukunftsgestaltung immer drei Optionen“, sagt Präsident Glaser. „Neben Fusionen sind dies Kooperationen sowie die zukunftsorientierte strategische Neuausrichtung in Eigenregie.“ Bei allen drei Prozessen unterstützt der Genossenschaftsverband seine Mitglieder und bietet ihnen umfangreiche Struktur- und Zertifizierungsberatungen, aber auch strategische Unterstützung, Beratungen auf der Kostenseite sowie in Fragen der Oenologie.

Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft auf Kurs

Die WZG in Möglingen, Gastgeberin der diesjährigen Wein-Pressekonferenz des BWGV, rechnet für 2019 mit einer Einlagerungsmenge von 19 Millionen Litern. Dies wären rund 21 Prozent weniger als im vergangenen Jahr aber 3 Prozent mehr als das 10-jährige Mittel (18,5 Millionen Liter). „Wir liegen mit unseren Einlagerungsmengen ein gutes Stück unter unseren ursprünglichen Planungen. Die Qualität des Jahrgangs 2019 wird dafür hervorragend“, berichtet WZG-Vorstand Bernhard Idler. Die 1946 gegründete Zentralgenossenschaft mit Sitz in Möglingen verarbeitet und vermarktet mit insgesamt 165 Mitarbeitern Wein und Sekt von 33 Weingärtnergenossenschaften und deren Mitgliedern in Württemberg. Sie fungiert insbesondere als wichtigste Schnittstelle zum mächtigen Einzelhandel in Deutschland. Der Umsatz der WZG betrug im vergangenen Jahr 80,7 Millionen Euro (2017: 78,4 Millionen Euro). Für das laufende Geschäftsjahr peilt die Zentralgenossenschaft 82,5 Millionen Euro an. „Damit sind wir endgültig wieder zurück auf dem Wachstumspfad“, so Weidmann. Das Absatzvolumen der WZG betrug im Geschäftsjahr 2018 rund 32,6 Millionen Flaschen (28,3 Millionen Liter), davon 77 Prozent Rotwein und 23 Prozent Weißwein.

„Unsere Absatzmärkte bleiben nach wie vor extrem schwierig. Wir müssen uns der Herausforderung stellen und weiter gemeinsam und mit aller Kraft an der Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette arbeiten. Die WZG ist und bleibt in diesem Prozess ein berechenbarer und attraktiver Partner der Weingärtnergenossenschaften in Württemberg“, versichert Weidmann, der zum Jahresende nach 26 Jahren auf der genossenschaftlichen Kommandobrücke in Ruhestand geht und bis dahin noch seinen Nachfolger Uwe Kämpfer einarbeitet. Der 49-jährige Kämpfer gilt als ausgewiesener Marketing- und Vertriebsexperte und verfügt über große Erfahrung in der Lebensmittelbranche. Zuvor war der Diplom-Kaufmann unter anderem bei Unilever und Bonduelle beschäftigt. „Mit guten Produkten, erfolgreichen Marken, unserem professionellen Key-Account-Management und einer leistungsfähigen Vertriebsorganisation sowie nicht zuletzt unserer Innovationsstärke sehen wir uns bestens gerüstet, um auf die Herausforderungen des Marktes die richtigen Antworten zu finden“, zeigt sich Weidmann trotz aller Herausforderungen zuversichtlich.

WZG-Riesling der „Edition Gourmet“ gewinnt wichtige Auszeichnung

Die WZG hat in den vergangenen Jahren erfolgreiche Markenlinien wie etwa die „Edition Gourmet“ oder auch die Marke „SÜSS & FRUCHTIG“ im Markt etabliert, die gut bei der Kundschaft ankommen. Und auch von Experten wird der konsequente Qualitätskurs der WZG honoriert. Der 2018er „Edition Gourmet“ Riesling darf sich „Bester trockener Riesling im Lebensmitteleinzelhandel“ nennen. Der Qualitätswein der WZG bekam diese Auszeichnung im Rahmen der diesjährigen Verkostung „Best of Riesling“ des renommierten Meininger-Verlages in Neustadt an der Weinstraße verliehen. Bei dem Wettbewerb, der bereits zum 14. Mal ausgetragen wurde, traten 2.445 Rieslinge an. Neben den Siegern in acht Kategorien und dem ProRiesling-Erzeugerpreis werden bei der Verkostung vier Sonderauszeichnungen vergeben, darunter die vom „Edition Gourmet“ Riesling gewonnene. „Diese Auszeichnung freut uns als zuverlässigen Partner des Lebensmittelhandels ganz besonders“, sagt WZG-Chef Weidmann. Hier bediene man in einem zunehmend härter werdenden Konkurrenzumfeld die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Weinen zu attraktiven Preisen.


 

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