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Landwirtschaft 4.0: Viele Möglichkeiten und die Frage der Datenhoheit

Maiskolben aus der Landwirtschaft
Kurt Bouda/PIXELIO www.pixelio.de

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Die fortschreitende Digitalisierung macht sich auch mehr und mehr in der Landwirtschaft bemerkbar. Selbstlenkende Traktoren, die Zeit einsparen und Verluste minimieren, Dünge- und Pflanzenschutzmittel, die nur an den notwendigen Stellen ausgebracht werden, automatische Ertragskartierung beim Mähdrescher: Viele Techniken der Präzisionslandwirtschaft haben längst in den Alltag vieler Landwirte Einzug gehalten. So auch auf dem Hof Sandbühler bei Kraichtal (Kreis Karlsruhe). Am großen Schlepper wird gehämmert und geschweißt. Als der Geno-Graph-Redakteur auf den Hof in der Weierbachsiedlung im Kraichgau fährt, kommt Horst Sandbühler hinter dem grünen Riesentraktor hervor. „Wir haben eine größere Reparatur heute“, grüßt der 58 Jährige freundlich und bittet in den Wintergarten des Wohnhauses. Der Herr über rund 110 Hektar betreibt reinen Ackerbau: Getreide, Raps, Mais. Hinzu kommen die Lohndrescherei mit dem eigenen Mähdrescher und die Maistrocknerei. Tochter und Schwiegersohn arbeiten mit, sollen einmal den Hof übernehmen.

Präzises Arbeiten mit GPS und RTK mit genossenschaftlichem Mähdräscher

Horst Sandbühler ist Mitglied bei der ZG Raiffeisen eG, Karlsruhe, ist dort Kunde – wie auch bei der Genossenschaft Kraichgau Raiffeisen Zentrum (KRZ) im nahegelegenen Eppingen. Beim KRZ hat er seinen Mähdrescher gekauft. Dieser ist mit einer Technik zur sogenannten teilspezifischen Ertragserfassung bestückt und wird mittels Global Positioning System, kurz GPS, also dem globalen Navigationssatellitensystem zur Positionsbestimmung, gelenkt. Mehr noch: Alle drei Schlepper des Sandbühler-Hofs sind mit digitaler Technik ausgerüstet. „Die Technik ist supergenau. Die Abweichung beträgt weniger als zwei Zentimeter, wenn der Schlepper selbsttätig seine Bahnen übers Feld fährt“, erläutert Landwirt Sandbühler. Diese Präzision, die mit der der Navigationssysteme in Autos nicht vergleichbar ist, wird durch die sogenannte RTK-Vermessung erreicht. Diese Real Time Kinematic ist ein Landvermessungsverfahren zum Aufmessen und Abstecken von Punkten mithilfe von GPS. Diese Methode sorgt für ungeheure Genauigkeit mit Feldspritze und Düngerstreuer.

Pilotbetrieb des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums

Horst Sandbühler und der Geno-Graph-Redakteur klettern ins Cockpit einer der drei großen Schlepper. Nicht weniger als drei Displays und jede Menge Tasten sind ums Lenkrad gruppiert. Sandbühler erklärt, wie diese Technik funktioniert. Er kennt sich bestens aus. Kein Wunder, denn sein Hof war dafür Pilotbetrieb des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg in Karlsruhe, einer Landesanstalt des Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. „Die Sache ist bodenschonend, weil weniger Erosion auftritt, und auch kraftstoffsparend“, sagt Sandbühler. „Das Pilotergebnis hat mich so überzeugt, dass ich alle drei Schlepper mit dem System, das aus dem USA stammt, ausgerüstet habe.“ Der 58-Jährige zählt drei Güteklassen auf: Die einfachste Technik sei bereits für 2.000 bis 3.000 Euro zu haben, sei aber recht ungenau. Eine Zwischenlösung, die auf dem Lenkrad des Schleppers montiert wird, komme auf 7.000 bis 8.000 Euro. „Die genaueste Nachrüsttechnik kostet heute um die 15.000 Euro“, sagt Horst Sandbühler. Zwei US-amerikanische Firmen seien in diesem Marktsegment die Platzhirsche. Noch. Denn Sandbühler rechnet damit, dass Schlepper-Hersteller die GPS-Technik serienmäßig in den Fahrzeugen verbaut anbieten werden. Dann sei mit sinkenden Preisen und einer entsprechend weiteren Verbreitung dieser digitalen Technik in der Landwirtschaft zu rechnen.

Frage der Datenhoheit bei den ländlichen Genossenschaften

Diese Tendenz hin zu deutlich mehr Einsatz von Digitaltechnik ist wohl so wenig aufzuhalten, wie früher die zur Mechanik. Mit dieser Entwicklung überschreitet die Landwirtschaft die Schwelle des Precision Farming hin zu Smart Farming oder Landwirtschaft 4.0. Über die Tier- und Pflanzenproduktion sind viele Informationen und werden sehr rasch noch viel mehr vorhanden sein. Landwirtschaft 4.0 soll diese großen Datenmengen verarbeiten, verknüpfen und automatisierte Abläufe ermöglichen. So soll der Landwirt beim Entscheidungsprozess unterstützt werden. Dazu gibt er Daten an einen Dienstleister, der auf dieser Grundlage Empfehlungen erarbeitet. Genau hier liegt nun der Hase im Pfeffer. Das Thema heißt Datensicherheit. Dieter Ott formuliert es so: „Beim Smart Farming gibt es jemanden, der die digitalen Daten erntet.“ Der Projektleiter EDV vom Maschinenring- Bundesverband verweist darauf, dass Satelliten und Maschinen Daten sammeln – zum Beispiel von Erntemaschinen, die sich miteinander vernetzen.

Landwirt auf Traktor unterwegs
Horst Sandbühler auf einem seiner Schlepper: Er programmiert das GPS-System, das für ressourcenschonenden Betriebsmitteleinsatz auf dem Feld sorgt.

„Der Landwirt muss die Datenhoheit behalten und sicher sein, dass seine Daten nicht weitergegeben oder etwa für Werbezwecke verwendet werden“, sagt dazu Prof. Dr. Hans-Werner Griepentrog. Der Robotikexperte am Institut für Agrartechnik an der Universität Hohenheim verweist darauf, dass bisher eine klare rechtliche Grundlage fehlt. Datenverschlüsselung sei ein Weg zu mehr Datensicherheit, so der Wissenschaftler.

An einer fortschreitenden Durchdigitalisierung der Landwirtschaft hegt er aber keinen Zweifel. Mit weitrechenden Folgen: „Die Digitalisierung revolutioniert die Geschäftsbeziehungen der Genossenschaften und verändert das Marktumfeld grundlegend. Denn die Landwirte wollen nicht nur ihr Arbeitspensum flexibel gestalten, sondern erwarten zu Recht auch von ihren Genossenschaften einen flexiblen und zeitnahen Service – am besten mit einem Klick“, unterstreicht Dr. Henning Ehlers, Generalsekretär des Deutschen Raiffeisenverbands. Landwirt Sandbühler sieht das ähnlich, schüttelt dem Geno-Graph-Redakteur kräftig die Hand und wendet sich wieder der Reparatur am Schlepper zu. Diese erledigt er aber dann doch noch mit mechanischem Werkzeug.

 

LUI - Innovationspreis für ländlichen Raum

Der Landwirtschaftspreis für Unternehmerische Innovationen (LUI) wird dieses Jahr zum 20. Mal vergeben. Bis zum 30. Juni 2016 können sich Betriebe und Tüftler für den Preis bewerben. Gefragt sind nicht nur die kreativen Ideen von Landwirten, sondern auch die von allen anderen, die in beispielhafter Weise im vor- und nachgelagerten Bereich mit der Landwirtschaft zusammenarbeiten. Das können Betriebe der Gastronomie, des Handwerks sowie des Handels sein, aber auch Einzelpersonen, Gruppen oder Gemeinden. Aus den Einsendungen wählen Vertreter aller beteiligten Organisationen die vielversprechendsten Projekte aus. Diese Jury besucht die ausgewählten Bewerber dann im September und macht sich vor Ort ein Bild von der Innovation und ihrer Umsetzung. Im Anschluss daran fällt die Entscheidung.


Verliehen wird der mit 5.000 Euro dotierte Preis am 7. Dezember vom Freiburger Erzbischof Stefan Burger in Karlsruhe. Träger des LUI sind die drei berufsständischen Landjugendverbände in Baden-Württemberg, die Landfrauenverbände sowie die Bauernverbände. Finanziell gefördert wird er von der ZG Raiffeisen eG und dem Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband. Bewerbungsunterlagen und weitere Informationen zu den Bewerbungskriterien und den Siegern der vergangenen Jahre unter www.lui-bw.de.

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