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»Gut geführte Unternehmen sind weniger anfällig für Risiken«

Erfolg gut geführter Unternehmen Studie Union Investement
S. Hofschlaeger / pixelio.de

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Gute Unternehmensführung (Corporate Governance) entscheidet wesentlich mit über den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen. Union Investment hat die DAX-Konzerne diesbezüglich unter die Lupe genommen und gemeinsam mit dem Stimmrechtsberater Ivox Glass Lewis ein Ranking entwickelt. Jens Wilhelm, im Vorstand bei Union Investment zuständig für Portfoliomanagement, Immobilien und Infrastruktur, erläutert im Interview die Ergebnisse und ihre Bedeutung. Wilhelm gehört seit März 2016 auch der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex an.

Herr Wilhelm, warum kümmert sich Union Investment um das Thema Corporate Governance?

Union Investment Studie
Die Corporate Governance der DAX-Unternehmen – Studienergebnisse 2016 nach Schulnoten

Das Thema ist hochaktuell, wird weiter an Bedeutung gewinnen und hat für uns Tradition. Als verantwortungsvoller Investor setzen wir uns schon lange für eine gute Governance ein. Es hat im Jahr 2002 angefangen, als wir eine Studie über Aktienoptionsprogramme im DAX erstellt haben. Die Ergebnisse machten deutlich, dass es Handlungsbedarf gab. Das war die Initialzündung. Wir haben das Thema Corporate Governance danach systematisch aufgebaut – zum Wohle unserer Anleger, denen wir zu Rechenschaft verpflichtet sind, wie wir ihr Geld anlegen. Schlechte Governance ist ein Frühindikator für Risiken, daher integrieren wir Governance-Aspekte in unseren Investmentprozess. Gut geführte Unternehmen sind weniger anfällig für Risiken und damit robuster und langfristig erfolgreicher.

Was möchten Sie mit dem Ranking erreichen?

Das Ranking möchte für die Wichtigkeit des Themas sensibilisieren und Defizite offenlegen. Zugleich wollen wir damit das abstrakte Thema Corporate Governance für uns greifbar machen und für den Investmentprozess operationalisieren. Darüber hinaus nutzen wir das Ranking als Grundlage für den Unternehmensdialog zu Governance-Fragen und für Hauptversammlungsauftritte. Die Unternehmen sollten das Ranking daher nicht als Kritik, sondern als Ansporn verstehen. Auf diese Weise wird der Kapitalmarkt zum Motor für gute Unternehmensführung, wovon Unternehmen und Aktionäre gleichermaßen profitieren. Corporate Governance dient letztlich dazu, Anleger- und Unternehmensinteressen miteinander in Einklang zu bringen.

Wie sind die Ergebnisse und wie bewerten Sie diese?

IVOX/GlassLewis Studie
So wurde bewertet: Das Design der Corporate Governance Studie 2016

Die meisten DAX-Konzerne landen im breiten Mittelfeld des Bewertungsspektrums. Man könnte auch sagen, es war eine durchschnittliche Klassenarbeit mit einem Notenschnitt von 2,7. Heidelberg Cement und Merck repräsentieren mit Note 3+ exakt den Durchschnitt, Klassenbeste sind Allianz und Deutsche Börse, die die Note 2+ erreichen. Schlusslicht ist Volkswagen mit Note 4-. Alle DAX-Konzerne haben bestanden und sind für uns investierbar, doch Anspruch und Ambitionsniveau in der Corporate Governance sollten deutlich höher liegen. Leider haben manche Unternehmen auch bei vergleichsweise einfachen Anforderungen ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht. Sie sehen Corporate Governance immer noch als lästige Pflicht, statt eine Chance darin zu erkennen.

Welche Konsequenzen sollten die Unternehmen nun ziehen?

Verbesserungsbedarf ist vor allem bei den Themen Diversity, speziell Internationalität, Vergütung des Topmanagements, Besetzung und Nominierungsprozesse des Aufsichtsrats sowie Transparenz über die Gremientätigkeit zu erkennen. Insgesamt sollte das Thema auch stärker mit Blick auf die Aktienkultur und die gesellschaftliche Akzeptanz von Unternehmen betrachtet werden, denn gute Unternehmensführung ist eine Chance für Unternehmen, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern – und damit das Vertrauen in die Aktie als Anlageform zu stärken.

Wie Union Investment bewertet hat:

In das Ranking flossen 91 Kriterien ein, die für Union Investment bei der Beurteilung und Bewertung von Corporate Governance relevant sind. Das stärkste Gewicht hat dabei der Aufsichtsrat, weil dieser die Aktionärsinteressen im Unternehmen über die Kapitalseite zu vertreten hat. Weitere Kriterien betreffen Vorstand, Vergütung, Transparenz, Aktionärsrechte und Kapitalbeschlüsse auf der Hauptversammlung. Das Ranking ist im Sinne bestmöglicher Objektivität und Vergleichbarkeit rein quantitativ angelegt und beruht auf breiter Datengrundlage. Bewertungsbasis bei allen Unternehmen sind die öffentlich verfügbaren Daten nach Beendigung der Hauptversammlungssaison 2016 (Stichtag: 15. Juli 2016). Die Kriterien werden je nach Erfüllung von negativ (-1) über neutral (0) bis positiv (+1) bewertet. Ein Sonderprüfungsantrag gegen den Vorstand oder Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung wiegt im Ranking schwerer als andere Defizite und wird als einziges Kriterium mit drei Minuspunkten bewertet. Die erreichbare Punktzahl reicht von 20 (Best Case) bis -50 (Worst Case) und wird dann in ein Schulnotensystem übersetzt. Dabei liegt die Annahme zugrunde, dass gerade noch besteht (Note 4-), wer nur die Hälfte der maximal erreichbaren Punkte schafft (also -15).

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