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Winzergenossenschaften in Baden hoffen auf einen guten Herbst

Glottertal
BWGV

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Die badischen Winzer können auf eine gute Qualität des Weinjahrgangs hoffen, müssen bei den Mengen aber spürbare Abstriche machen. Die diesjährige genossenschaftliche Erntemenge wird nach ersten Prognosen knapp zehn Prozent unter dem Vorjahr liegen. „Dafür können wir uns in Sachen Qualität durchaus sehen lassen“, sagt Dr. Roman Glaser, der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), in den Räumen der Winzergenossenschaft Glottertal eG (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald). Mehr als 70 Prozent der Rebflächen in Baden werden von Genossenschaften bewirtschaftet. Für Glaser ist die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft (eG) gerade auch in der Weinwirtschaft ein „Zukunftsmodell“.

Nach derzeitigen Schätzungen dürfte die Erntemenge der 80 Winzergenossenschaften (WG) in Baden dieses Jahr bei etwa 80 Millionen Litern liegen. Im Vorjahr haben die badischen Winzergenossenschaften noch 87,4 Millionen Liter in die Keller gebracht. Gründe für die geringeren Mengen sind unter anderem Verrieselungserscheinungen und Kleinbeerigkeit. Bisher wurde erst wenig Wein gelesen: Durch den sehr langen Winter und entsprechend zögerlichem Austrieb ist die Entwicklung der Trauben im Vergleich zu den vergangenen Jahren um zehn bis 14 Tage verspätet. Im langfristigen Vergleich entspricht der derzeitige Reifegrad allerdings genau dem Durchschnitt. Die Qualität der badischen Weine könnte nach dem Traumsommer wieder sehr ordentlich werden, allerdings hängt noch viel vom Wetter der kommenden Tagen ab. Die aktuelle Lage ist sehr erfreulich. Das tagsüber sonnige und luftige Wetter gepaart mit kühleren Nächten führt zu guten Mostgewicht-Zunahmen.

Gesunde Trauben und sehr unterschiedliche Erträge

Die gute Nachricht: Die Trauben in den badischen Weinbergen sind sehr gesund und weisen auch stabile Säurewerte auf. Bis auf den Hagel, der am 6. August im Kraichgau zirka 300 Hektar Rebfläche in Mitleidenschaft gezogen hat, gibt es kaum Schäden. Der Reifegrad ist aktuell extrem unterschiedlich – sogar innerhalb der einzelnen Trauben. Dies erschwert es deutlich, den idealen Lesezeitpunkt zu erwischen, führt aber auch zu einer größeren Aromenvarianz. Während beim badischen „Klassiker“ Müller-Thurgau die Mengen erfreulich gut sind, gibt es bei den Burgunder-Sorten teils deutliche Einbußen durch Verrieselungsschäden. Es wird also einen sogenannten neidischen Herbst geben – mit sehr unterschiedlichen Mengen je nach Weinberg und Winzer. Die Lese für neuen Süßen begann in der zweiten September-Woche. Die Müller-Thurgau-Ernte wird Ende September starten, die Hauptlese dann Anfang Oktober. Für die Burgunder-Sorten erscheint aktuell das erste Oktober-Drittel realistisch.

Wein-Absatz geht zurück, aber die Umsätze steigen

Nach der überdurchschnittlichen Ernte 2011 und der durchschnittlichen Ernte 2012 verminderte sich der Absatz der badischen Winzergenossenschaften im ersten Halbjahr 2013 um 2,2 Millionen Liter (minus 4,6 Prozent) auf 45,2 Millionen Liter Wein und Sekt. Der Umsatz stieg im gleichen Zeitraum erfreulicherweise um rund 1,2 Millionen Euro (plus 0,9 Prozent) auf 130,1 Millionen Euro. Damit konnte der Durchschnittserlös je Liter Wein und Sekt um 16 Cent auf 2,88 Euro gesteigert werden. „Die Nachfrage nach genossenschaftlichen Weinen ist erfreulich stabil“, berichtet entsprechend Genossenschaftspräsident Glaser. „Hier zahlt sich die sehr hohe Qualität unserer Weine aus.“ Im Kalenderjahr 2012 haben die badischen Winzer 94,2 Millionen Liter Wein und Sekt verkauft (minus 1,7 Prozent). Der Umsatz legte im gleichen Zeitraum dank Preiserhöhungen und einer hohen Nachfrage – vor allem nach Weißweinen – um 5,6 Millionen Euro beziehungsweise 2,2 Prozent auf 270,4 Millionen Euro zu. Beim Weißwein bleiben die Bestände bei allen wichtigen Sorten weiterhin sehr knapp.

Genossenschaftsverband unterstützt im Strukturwandel

Auch im Jahr 2013 setzt sich der Strukturwandel im Weinbau unvermindert fort. Seit Jahren ist die Zahl der Betriebe in Baden rückläufig – von 25.480 im Jahr 2000 auf gut 16.550 zum Jahresende 2012. Insbesondere kleine Nebenerwerbsbetriebe geben vermehrt auf, während die Zahl der Betriebe über fünf Hektar kontinuierlich zunimmt – von 571 im Jahr 2000 auf 781 zum Jahresende 2012. „Die Veränderungen bei den einzelnen Betrieben wirken sich naturgemäß direkt auf unsere Winzergenossenschaften aus“, berichtet BWGV-Präsident Glaser. In Baden arbeiten aktuell 80 Winzergenossenschaften, darunter 39, die ihre Weine im eigenen Keller ausbauen. Das sind drei weniger als noch vor einem Jahr.

Es gab folgende Fusionen: Zum 1. Juli 2012 fanden die Verschmelzung der Zeller Abtsberg Winzer eG mit der Gengenbacher Winzer eG und die Fusion der Winzergenossenschaft Baden-Baden-Varnhalt eG mit der Winzergenossenschaft Baden-Baden eG statt. Zum 1. Januar 2013 fusionierten zudem die Winzergenossenschaft Ringsheim eG mit der Winzergenossenschaft Münchweier-Wallburg-Schmieheim eG. Aktuell befinden sich in Baden die Winzergenossenschaft Eichstetten eG und die Winzergenossenschaft Bötzingen eG in Fusionsgesprächen.

BWGV wird „strategischer Partner“ seiner Mitglieder

Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband intensiviert vor dem Hintergrund dieser Entwicklung sein Engagement in der Beratung. So entwickelt sich der Verband mehr und mehr zum „strategischen Partner“ seiner Mitgliedsgenossenschaften. „Eine Winzergenossenschaft hat in ihrer Zukunftsgestaltung immer drei Optionen“, betont BWGV-Präsident Glaser. „Neben Fusionen sind dies Kooperationen sowie zukunftsorientierte strategische Neuausrichtungen in Eigenregie.“ Bei allen drei möglichen Prozessen will der BWGV intensiv unterstützen. Eine sehr erfolgreiche Kooperation ist die zwischen der Winzerkeller Hex vom Dasenstein eG, Kappelrodeck, und der Oberkircher Winzer eG. Neben der gemeinsamen Füllung am Standort Oberkirch werden Gastronomie- und Fachhandelskunden durch einen gemeinsamen Außendienst betreut und durch einen gemeinsamen Fuhrpark beliefert. Dadurch wird zum einen die Auslastung der vorhandenen Abfüllanlage deutlich erhöht, zum anderen können durch den gemeinsamen Außendienst die Kunden intensiver und beständiger betreut werden. Ziel dieser Kooperation ist die Aufrechterhaltung der Eigenständigkeit beider Genossenschaften und beider Marken. „Dies ist ein sehr gutes Beispiel, wie eine Zusammenarbeit große Vorteile für beide Genossenschaften bringen kann“, lobt Glaser das Projekt.

Ein weiteres wichtiges Instrument, das der Verband seinen Mitgliedern anbietet, ist ein neues Qualifizierungskonzept für ehrenamtliche Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder von Winzergenossenschaften. „Nur wer optimal qualifiziert ist, kann seine WG auch in eine gute Zukunft führen. Dabei wollen und werden wir helfen“, verspricht Glaser.

Glaser: Genossenschaft bleibt ein Zukunftsmodell

Eine wenig erfreuliche Entwicklung stellt indes der Rückgang der genossenschaftlichen Rebflächen in Baden dar: von 11.165 Hektar (72,1 Prozent der Gesamtfläche) im Jahr 2009 auf 10.917 Hektar (70,5 Prozent) zum Jahresende 2012. Diese Entwicklung ist zwar nicht dramatisch, soll aber trotzdem gestoppt werden. „Wichtig ist, dass im langfristigen Interesse der Winzerinnen und Winzer möglichst viele Rebflächen in genossenschaftlicher Hand gehalten werden können. Wir müssen unsere Rohstoffbasis erhalten“, fordert Glaser. „Dafür wollen wir uns einsetzen und unsere Mitglieder in ihrer Fortentwicklung noch intensiver als bisher unterstützen“, kündigt der Präsident an. Diesem Ziel dient unter anderem das Engagement von Dr. Ansgar Horsthemke als Generalbevollmächtigter und Bereichsleiter Beratung der Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften. Der ausgewiesene Weinbauexperte war zuvor Geschäftsführer der WG Jechtingen-Amoltern und unterstützt gemeinsam mit seinem Team seit Mai 2013 die strategische Weiterentwicklung der baden-württembergischen Winzer- und Weingärtnergenossenschaften. „Die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft ist und bleibt ein Zukunftsmodell – ganz besonders im baden-württembergischen Weinbau“, betonen der BWGV-Präsident und Horsthemke einvernehmlich.

Sehr gute Qualität im Glottertal – aber geringe Mengen

„Qualitativ sieht es sehr gut aus“, zeigt sich Udo Opel, Geschäftsführer der Winzergenossenschaft Glottertal eG, zufrieden. Mengenmäßig ist es aber auch hier eher dünn – unter anderem durch Verrieselungen während der Blütezeit. „Das ist sehr ärgerlich für uns“, sagt Opel, in diesem Jahr Gastgeber der Wein-Pressekonferenz des BWGV. Denn die Nachfrage nach Glottertaler Weinen ist nach wie vor sehr hoch. Die WG Glottertal, eine der kleinsten selbstvermarktenden Winzergenossenschaften in Baden, rechnet mit einer Ernte von knapp 400.000 Litern. In durchschnittlichen Jahren bringen die Südbadener knapp 450.000 Liter in den Keller. „Wichtiger als große Mengen ist uns eine hohe Qualität der Weine“, betont der Geschäftsführer. Die durchschnittlich 93 Oechsle vom Vorjahr hält er für wieder erreichbar – wenn das Wetter in den kommenden Tagen stimmt. Ein großes Plus stellt die Lage des Glottertals dar – mit seinem besonderen Mikroklima. So sind die Reben durch die Thermik im Tal immer sehr gut belüftet. Zudem genießt das Glottertal die Wärme der Rheinebene.

Die Glottertaler Winzergenossenschaft setzt seit Jahren auf Qualität. „Wir sind klein aber fein“, bringt es Opel auf den Punkt. Auf den Granit-Gneis-Verwitterungsböden fühlt sich die Burgunderfamilie – Blauer Spätburgunder, Grau-, Weißburgunder und Chardonnay – sehr wohl. Aber auch die Sorten Riesling, Müller-Thurgau und Gewürztraminer gedeihen an den Südhängen des Glottertals, die zu den steilsten und höchst gelegenen Weinbergen Deutschlands zählen. Die Spezialität der WG Glottertal ist mit einem Anteil von 77 Prozent der Rebflächen der Spätburgunder – als Rotwein, Weißherbst beziehungsweise Rosé ausgebaut. Die rund 60 Hektar, die von 150 abliefernden Winzerfamilien bewirtschaftet werden, erstrecken sich über die beiden Einzellagen „Roter Bur“ und „Eichberg“. Neben edlen Weinen bietet die Genossenschaft auch fruchtige Perlweine (Seccos) und Winzer-Sekte an. Diese werden nach dem traditionellen Champagnerverfahren ausgebaut. „Glottertaler Wein – ein edler Tropfen Südschwarzwald“, wirbt die über 60 Jahre alte Winzergenossenschaft selbstbewusst. Besonders positiv an der WG Glottertal ist, dass die Rebflächen in den vergangenen Jahren um 25 Prozent zugelegt haben – das ist keine alltägliche Entwicklung.

Udo Opel, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender, und Thomas Über, stv. Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Glottertal eG, in den Reben des Blauen Spätburgunder.
Udo Opel, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender, und Thomas Über, stv. Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Glottertal eG, in den Reben des Blauen Spätburgunder.
Udo Opel, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Glottertal eG, misst bereits über 80 Grad Oechsle auf dem Refraktometer.
Bild 2:
Udo Opel, Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Winzergenossenschaft Glottertal eG, misst bereits über 80 Grad Oechsle auf dem Refraktometer.
Blauer Spätburgunder
Blauer Spätburgunder
Pia Lickert, Mitglied des Vorstands der Winzergenossenschaft Glottertal eG, bei der Ernte.
Pia Lickert, Mitglied des Vorstands der Winzergenossenschaft Glottertal eG, bei der Ernte.

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