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Gemeinsam stärker

Gemeinsam stark
Stephanie Hofschlaeger/pixelio

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BVB-Trainer Jürgen Klopp ist es, der Schriftsteller Peter Bichsel ist es, Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) und mindestens 700 Millionen andere Menschen weltweit: Sie sind Mitglied in einer Genossenschaft. Wie keine andere Rechtsform transportieren Genossenschaften den demokratischen Grundgedanken: Ein Mitglied, eine Stimme. Die Macht verteilt sich auf den Schultern vieler. Einer für alle und alle für einen – das ist der bis heute geltende Grundsatz nicht nur der Musketiere, sondern auch der Genossenschaften.

Die Zusammenschlüsse dienten lange Zeit der Bekämpfung von Armut. Diese Funktion haben sie in wohlhabenden Gesellschaften verloren. Deswegen hat das Beteiligungsmodell noch lange nicht an Attraktivität verloren. Gerade in Zeiten zunehmender Globalisierung und weltweiter Krisenstimmung verstärkt sich die Sehnsucht nach kleinen, überschaubaren Strukturen. Mit der Rückbesinnung der Menschen auf die Stärken der Heimat haben auch die Genossenschaften erhöhten Zulauf bekommen. Denn sie stehen für Werte: für Regionalität, Verlässlichkeit, Verantwortung. Und für Erfolg: für die Mitglieder in Form von Renditen, und für nachfolgende Generationen in Form von nachhaltigem Wirtschaften. Genossenschaften sind ein Statement. Dafür, dass die Ich-Regentschaft passé ist und das Wir, die Masse, die Märkte von der Provinz her neu aufrollt.

Finanzkrise, Klimawandel und Globalisierung haben bei vielen Bürgern einen Wertewandel eingeleitet. In diesen Zeiten suchen viele nach einer Möglichkeit der Selbsthilfe – und da sind Genossenschaften das klassische Instrument. „Die Menschen haben das Gefühl, mehr selbst beeinflussen und gestalten zu können“, glaubt die Genossenschaftsforscherin Theresa Theurl von der Universität Münster. Um die Rendite geht es zwar in erster Linie nicht, dennoch müssen Genossenschaften profitabel sein, um bestehen zu können. Auch die sehr liberal ausgerichteten Vereinigungen müssen sich in der Marktwirtschaft behaupten können.

Zu den vier größten Genossenschaften zählen laut dem BWGV die Volks- und Raiffeisenbanken (rund 1.100 Genossenschaften), die Wohnungsbaugenossen (etwa 2.000 Genossenschaften), landwirtschaftliche (rund 2.600) und gewerbliche (rund 1.600) Zusammenschlüsse sowie Konsumgenossenschaften (rund 220). Die Genossenschaftsidee wurde im 19. Jahrhundert geboren. In einer Zeit, in der mittelalterliche Bindungen der liberalen Weltanschauung wichen, Flur- und Zunftzwang beseitigt und die Gewerbefreiheit etabliert wurde, gründeten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen unabhängig voneinander genossenschaftliche Hilfsvereine. Denn die neu gewonnene Freiheit brachte nicht nur Selbstbestimmung, sondern auch Unsicherheiten mit sich. Um wirtschaftlich überleben zu können, mussten sich Handwerker und Kleinhändler und auch Bauern zusammenschließen. Einkaufsgenossenschaften und Darlehenskassen halfen ihnen, die Unwägbarkeiten des modernen Zeitalters zu überstehen. Der Vordenker Raiffeisen wollte den Menschen nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine moralische Hilfe zugute kommen lassen. Die gegenseitige Haftung der Mitglieder, die soziale Nähe und der überschaubare Rahmen der Organisation machten den Erfolg möglich.

Die Genossenschaft war nicht nur Geldgeber, sondern auch Erzieher und Unterstützer: Jeder musste am Erfolg des anderen interessiert sein, blieb aber trotzdem in der Eigenverantwortung. Die existenzielle Not gibt es heute zwar nicht mehr, deswegen hat die Idee der Genossenschaften aber nicht an Reiz verloren. Zwar reduzierte sich ihre Zahl auch durch Fusionen seit dem Zweiten Weltkrieg drastisch von rund 26.000 auf heute etwa 7.500, doch seit einigen Jahren entstehen immer mehr neue Selbsthilfegemeinschaften.

Einfacher zu handhaben als eine Kapitalgesellschaft, aber verbindlicher als ein eingetragener Verein, dienen Genossenschaften als verhältnismäßig unkomplizierte Rechtsform häufig dazu, strukturelle Lücken aufzufangen, Wachstumsbranchen zu fördern und kollektive Selbsthilfe zu bieten. Genossenschaften und ihr Leitmotiv „Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung“ bleiben damit modern – es sind Zukunftsmodelle mit über 160-jähriger Geschichte. Gemeinschaftliche Dorfläden entstehen dort, wo die Insolvenz von Schlecker Versorgungslücken hinterlassen hat und die großen Supermarktketten kein Interesse an der Nahversorgung haben. Und durch die Ökostromwelle und die Energiewende entstehen immer mehr Energiegenossenschaften im Land. Die Energiewende hat ein genossenschaftliches Gesicht. In den vergangenen drei Jahren sind bundesweit mehr als 600 Energiegenossenschaften gegründet worden, wöchentlich kommen etwa drei neue hinzu. Rund zwei Drittel der Neugründungen von Genossenschaften in Baden-Württemberg sind im Energiesektor angesiedelt. Insgesamt gibt es inzwischen mehr als hundert solcher Vereinigungen landesweit mit mehr als 6.000 Mitgliedern. Damit sind die Vereinigungen treibende Kraft bei der neuen Umsetzung der Energievorgaben. Die Folgen der EEG-Umlage sind auch auf dem Sektor der Genossenschaften zu spüren: Während Fotovoltaik infolgedessen vergleichsweise unattraktiv geworden ist, geht der Trend laut BWGV zu Nahwärme-Genossenschaften.

„Ich glaube, dass die Energiegenossenschaften eine wesentliche Rolle bei der Energiewende spielen“, sagt BWGV-Präsident Roman Glaser. „Das wissen wir von vielen lokalen Initiativen. Wenn beispielsweise ein Windrad erstellt wird, dann ist das ja erst einmal ein Eingriff in das gewohnte Umfeld der Menschen. Das Landschaftsbild wird verändert und Arten- und Naturschutzbelange müssen berücksichtigt werden. Je mehr die Bürger einbezogen werden, umso höher ist auch ihre Akzeptanz.“ Mit den Energiegenossenschaften nehmen die Bürger den Stromkonzernen den Wind aus den Segeln. Jede von ihnen selbst erzeugte Kilowattstunde Strom ist ein Verlust für die Energieriesen.

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