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Versorgungssicherheit und Umweltschutz: In Nachhaltigkeit liegt Zukunft der Landwirtschaft

VR-Agrartag
BWGV

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„Der eingeschlagene Weg zu mehr Umwelt- und Klimaschutz auch in der Landwirtschaft ist uneingeschränkt richtig und wichtig. Auch wenn die Herausforderungen für die Branche aktuell so hoch und vielfältig sind wie nie – es darf keine Abkehr vom begonnenen Transformationsprozess geben.“ Dies macht Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), anlässlich des diesjährigen VR-Agrartags der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Laupheim deutlich. Daher appelliert er an Politik, Handel und Verbraucherinnen und Verbraucher: „Die konsequente Weiterentwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen ein starkes Bekenntnis für im eigenen Land erzeugte Lebensmittel und entschlossenes politisches Handeln, um der Landwirtschaft die notwendigen Rahmenbedingungen zu gewährleisten.“

Hohe Energiepreise, gestörte Lieferketten, die massive Verteuerung der Betriebsmittel sowie Unsicherheiten bezüglich der Verfüg- und Bezahlbarkeit von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln belasten die Landwirtinnen und Landwirte massiv, erklärte Glaser. Hinzu komme der sorgenvolle Blick in die Zukunft: Wird es in den kommenden Monaten ausreichend Gas geben? Welche Auswirkungen werden die hohe Inflation und steigenden Preise auf das Kaufverhalten der Bürgerinnen und Bürger haben? Wird im Lebensmitteleinzelhandel vermehrt zum günstigsten Produkt gegriffen? Glaser: „Die Höfe und Genossenschaften sehen sich einer Häufung von Krisen in nicht bekanntem Ausmaß gegenüber. Es verdient größten Respekt, wie sie sich den Herausforderungen stellen und ihrer Verantwortung, die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, gerecht werden. Es muss daher deutlich ausgesprochen werden: Die stark angestiegenen Betriebskosten können oftmals nicht durch höhere Preise kompensiert werden.“

Schnelle und einheitliche Entlastung bei Energiekosten

Gerade die klein- und mittelständisch strukturierte Landwirtschaft in Baden-Württemberg mit einem hohen Anteil an Sonderkultur-Produktion sei daher auf eine schnelle Entlastung bei den Energiekosten angewiesen. „Eine unterschiedliche Höhe sowie ein unterschiedlicher Zeitpunkt der Entlastungen für industrielle Großverbraucher auf der einen sowie kleinen und mittelständischen Unternehmen auf der anderen Seite ist nicht nachvollziehbar. Es braucht eine einheitliche Entlastung in gleicher Höhe für alle zum 1. Januar“, fordert der BWGV-Präsident. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine ergänzt er: „Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat ein Umdenken hin zu mehr Versorgungssicherheit und einem hohen Selbstversorgungsgrad eingesetzt. Dies darf nicht theoretisch bleiben, sondern muss konsequent gelebt werden.“

Trotz der vielfältigen Krisen und Herausforderungen dürfe das Thema Nachhaltigkeit nicht in den Hintergrund rücken. „Es darf nicht zu einem Wettstreit über vermeintlich wichtigere oder unwichtigere Ziele kommen“, machte Dr. Ansgar Horsthemke, BWGV-Generalbevollmächtigter und Bereichsleiter MitgliederCenter, auf dem VR-Agrartag im Kulturhaus Schloss Großlaupheim deutlich. Unter dem Titel „Zukunftsmodell nachhaltige Landwirtschaft“ haben sich rund 350 Landwirtinnen und Landwirte sowie Vertreterinnen und Vertreter der Volksbanken und Raiffeisenbanken aus ganz Baden-Württemberg damit beschäftigt, wie Nachhaltigkeit bereits heute umgesetzt wird, welche Aspekte dazugehören und was es braucht, damit die besondere landwirtschaftliche Struktur im Südwesten gestärkt werden kann.

Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte

In der Veranstaltung wurde deutlich: Biodiversität, mehr Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sind uneingeschränkt wichtige Ziele der Transformation, ebenso auch Ernährungssicherheit, Erhalt der wirtschaftlichen Tragfähigkeit für Höfe und Unternehmen, Sicherstellung guter Ernte durch Pflanzenschutz und Düngemitteleinsatz sowie die Stärkung des Ländlichen Raums. Horsthemke: „Zur Nachhaltigkeit gehören gleichermaßen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Die Zusammenhänge und Wechselwirkungen sind komplex.“

Glaser sieht Genossenschaften als die ideale Rechts- und Unternehmensform für kooperatives Wirtschaften, um dieses Spannungsverhältnis aufzulösen: „Das genossenschaftliche Wirtschaften folgt den Zielen: ökologisch verträglich, ökonomisch einträglich, sozial verantwortungsvoll. Nachhaltigkeit ist elementarer Teil des Selbstverständnisses der genossenschaftlichen Landwirtschaft in Baden-Württemberg.“ Daher begrüße der BWGV auch, dass im Zuge des europäischen Green-Deals und der Taxonomie Nachhaltigkeitsaspekte bei Förderungen sowie Finanzierungsfragen künftig stärker berücksichtigt werden. „Bei der Ausgestaltung der Taxonomie-Verordnung für die Land- und Agrarwirtschaft muss jedoch darauf geachtet werden, dass sich der Zugang zu Krediten nicht durch zu hohe bürokratische Hürden erschwert. Die Zusammenarbeit mit den regional verankerten Volksbanken und Raiffeisenbanken im Land ist hierbei ein großer Vorteil.“

Nachhaltigkeit in allen Facetten: Die Vorträge beim VR-Agrartag

Die Taxonomie und die Ausrichtung der Förderinstrumente auf Nachhaltigkeit beleuchtete beim VR-Agrartag Thomas Karle. „Total nachhaltig – regionale und ökologische Werte schaffen“ hat der Diplom-Agraringenieur und Landwirt aus Kupferzell seinen Vortrag überschrieben. Karle gewann vergangenes Jahr den renommierten Ceres-Award in der Kategorie „Energielandwirt“ für seine überwiegend mit pflanzlichen Reststoffen befüllte Biogasanlage, deren Abwärme in das örtliche Nahwärmenetz geleitet wird und der Getreide- und Gärprodukttrocknung dient. Das getrocknete Gärprodukt wird anschließend zum Naturdünger verarbeitet. Den Strom aus der Biogas- und Photovoltaikanlage speist er zum einen in das öffentliche Netz ein. Zum anderen nutzt er ihn für das Laden von Elektroautos.

Das „Denken in Generationen“ ist fest in der Landwirtschaft verankert. Dass dazu auch gehört, passende Nachfolger für den Betrieb zu finden, machte der langjährige Leiter der Bauernschule Nordbaden, Rolf Brauch, in seinem Vortrag „Nachhaltig in die nächste Generation – die be-glückende Hofnachfolge“ deutlich. Der Berater und Seelsorger begleitete jahrzehntelang bäuerliche Familien in Konfliktsituationen. Damit sind ihm insbesondere die menschlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen bei Hofübergaben vertraut. Beim VR-Agrartag zeigte er auf, wie Veränderungen auch in schwierigen Situationen gelingen können und welchen Stellenwert die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft einnehmen.

Mit den Chancen durch Veränderung und dem im Transformationsprozess liegenden Potenzial beschäftigte sich Dr. Alfred Strigl, Dozent an der Universität für Bodenkultur Wien in den Bereichen Nachhaltige Entwicklung, Umweltmanagement und Unternehmensgründung. Als geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens „plenum“ in St. Pölten setzt er sich dafür ein, eine gangbare Brücke zu schlagen von der Wissenschaft zur praktischen Anwendung. Was es dazu braucht, zeigte er in seinem Vortrag „Mut zur Veränderung, wie eine agrarische Transformation gelingt“ auf.

Eine Podiumsdiskussion unter Moderation von Oliver Knab mit allen Referenten und Roswitha Geyer-Fäßler, Vizepräsidentin Landesbauernverband Baden-Württemberg, sowie künstlerische Einlagen der a cappella-Band „Unduzo“ rundeten das etwa vierstündige Programm beim VR-Agrartag ab.

Weitere VR-Agrartage finden am 22. November in Sigmaringen und am 24. November in Künzelsau statt.

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