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Plattformgenossenschaften – „Historisches Fenster der Innovation“

Plattformgenossenschaften BWGV
S. Hofschlaeger / pixelio.de

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Digitale Plattformen sind in unserem Alltag – bewusst oder unbewusst – ständig präsent. Ihre Dienste erweisen sich, ob nun beim Online-Einkauf auf Ebay oder Amazon, bei der Urlaubsunterkunftsbuchung über Airbnb oder der Essensbestellung per Liefer-App, auf den ersten Blick als vor allem eines: praktisch.

Allerdings manifestieren sich gerade in der Ausgestaltung digitaler Plattformen auch die sozialen Herausforderungen des digitalen Wirtschaftens, was vor allem den Shareholdern der Monopol-Plattformen wie Google, Amazon und Facebook zugutekommt. Genossenschaftlich organisierte Plattformen eröffnen dabei die Chance für eine gemeinwohlorientierte Alternative der Plattformökonomie.

Gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Alternativen

Die Diskussion um kooperative Plattformmodelle zum jetzigen Zeitpunkt ist umso wichtiger, da deutsche und europäische Akteure im Vergleich mit den USA in der Plattformökonomie noch eine marginale Rolle spielen. Damit künftig entstehende Plattformen mehr sind als Nachahmungen der bekannten Tech-Giganten, brauche es eine gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Alternativen. In den vergangenen Jahren sind verstärkt Plattformmodelle entstanden, die genossenschaftlich organisiert sind und das Versprechen einer solidarischeren Plattformökonomie wecken. Doch sehen sich solche Kooperativen oft politisch schwierigen Rahmenbedingungen gegenüber.

Claudia Henke, Soziologin, Wirtschaftswissenschaftlerin und Mitbegründerin der Genossenschaft h3-o, skizziert die Probleme und Chancen der Thematik: Als Nutzer digitaler Plattformen würde man oftmals vergessen, dass man nicht nur Kunde ist, sondern auch selbst das Produkt darstellt, so Claudia Henke. Das nicht immer ganz augenscheinliche Geschäftsmodell beruht neben der Vermittlung von Waren und Dienstleistungen ja vor allem darauf, riesige Datensätze zu erschaffen. „Durch die Nutzung liefern wir Daten ohne zu wissen, was mit ihnen passiert, geschweige denn Einfluss darauf zu haben.“

Von den Bedürfnissen aus denken und handeln

„Wir müssen erkennen“, so Henke, „dass die Existenz digitaler Plattformen massiv auf die Struktur unserer Gesellschaften einwirken. Die kompletten Wohnungsmärkte wurden durch Airbnb auf den Kopf gestellt, ebenso wie der Einzelhandel durch die Konkurrenz der großen Online-Anbieter: Das macht was mit unserer Gesellschaft“, konstatiert Henke. Und weil die Auswirkungen, wie schon angedeutet, beileibe nicht nur positiv sind, müssen wir „die Konzepte anders denken, und zwar von den Bedürfnissen der Menschen aus“, so der  Appell der Genossenschaftsgründerin.

Wie das in der Praxis aussehen kann, führt die in europäischen Großstädten aktive Startup-Genossenschaftsplattform „Fairbnb“ momentan vor. Zwar steckt die Initiative, die eine faire Variante des „Originals“ darstellt, noch in den Kinderschuhen, aber die Grundidee taugt jetzt schon als Vision. Bei Fairbnb können Menschen ihren Wohnraum vermieten, aber nur vorübergehend, wenn sie selbst verreist sind. Die Hälfte der Einnahmen wird an faire Tourismusunternehmen gespendet. Durch die genossenschaftliche Organisation gewährleistet es nicht nur die demokratische Teilhabe der Anteilseigner, sondern übernimmt auch darüber hinaus Verantwortung und integriert das Umfeld. Dies sei ein „total spannendes Modellprojekt“, so Claudia Henke.

Beratungs-eG für genossenschaftlich organisierte Unternehmensnachfolge

Henke ist Mitgründerin der Genossenschaft h3-o. Deren Geschäftsmodell: Unternehmensnachfolge mittels einer Arbeitnehmer-Genossenschaft unterstützen. Viele Unternehmen stehen in den nächsten Jahren vor der großen Herausforderung einer gelingenden Unternehmensnachfolge. Werden keine geeigneten Nachfolger gefunden, stehen leistungsfähige Unternehmen vor der Schließung. Für das Land Brandenburg, das im bundesweiten Vergleich über einen hohen Anteil an Selbstständigen verfügt, entwickelt h3-o gemeinsam mit nationalen und europäischen Kooperationspartnern eine Beratung und Begleitung zu Arbeitnehmer-Genossenschaften: eine Weiterführung von Unternehmen durch Mitarbeiter, die gemeinsam zu Mitunternehmern werden. Gefördert durch das brandenburgische Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Brandenburg.

Einerseits müsse die genossenschaftliche Organisationsform stärker beworben werden, so Henke, und andererseits müsse es einen Experimentierraum geben. In der Technikbranche sei es anerkannt, dass auf dem Weg zu einer neuen Erfindung Prototypen gebaut werden. Bei sozialen Innovationen fehlen derzeit Freiräume mit vermindertem Risiko zum Ausprobieren. „Wir haben ein historisches Fenster der Innovation. Die Akteure stehen bereit, wir haben die Expertise, die Techniken, nur die Rahmenbedingungen fehlen“, moniert Henke.

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