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»Nachhaltigkeit ist vom weichen zum harten Anlagekriterium geworden«

Interview Union Investment Vorstandsvorsitzender Hans Joachim Reinke
Union Investment

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Union Investment hat 2017 mit einem Nettoneugeschäft von 25,1 Milliarden Euro den zweitbesten Absatz der Unternehmensgeschichte erzielt. Auch das verwaltete Vermögen erreichte mit 323,9 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Die Geno-Graph-Redaktion sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Hans Joachim Reinke über seine Sicht auf die Geschäftszahlen und die Aussichten.

Herr Reinke, Sie sagen, das Jahr 2017 war ein gutes aber kein einfaches Jahr. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Wenn ich 2017 Revue passieren lasse, sind mir vier Themen besonders in Erinnerung geblieben: Erstens der starke und weltweit synchrone Wirtschaftsaufschwung, zweitens gab es wenige politische Antworten auf wichtige Zukunftsfragen wie etwa Fachkräftemangel, Bildung oder eine alternde Gesellschaft, notwendige Reformen in der Europäischen Union bleiben liegen. Drittens befindet sich die Welt im Stresstest. Damit meine ich, dass wir an vielen Stellen bedenkliche Entwicklungen erleben wie einen unberechenbaren Donald Trump, gefährliche Drohgebärden aus Nordkorea sowie viele Unruheherde in Nahost.

Viertens sind viele Menschen in Deutschland unzufrieden. Lange Jahre war die deutsche Gesellschaft geprägt vom Wunsch nach Wachstum und Wohlstand. Heute stehen vielfach Verunsicherung und Verlustangst auf der Agenda. Die Menschen fragen oft nicht mehr, was sie tun müssen, damit es ihnen morgen besser geht. Sie fragen, was zu tun ist, damit es ihnen künftig nicht schlechter geht. Hier bleibt die Politik aus Sicht vieler eine ausreichende Antwort schuldig. Kurzum: Abseits vom wirtschaftlichen Wachstum lassen sich derzeit keine einfachen Ableitungen für das Investieren treffen. Insofern war 2017 ein herausforderndes Anlagejahr.

Dennoch konnten Sie in 2017 sehr bemerkenswerte Unternehmenszahlen erreichen.

Das stimmt. Im Geschäft mit institutionellen Kunden konnten wir mit 15,2 Milliarden Euro wieder einen hohen Nettoabsatz erzielen. Dazu trugen 78 neu gewonnene Kunden bei. Die Assets under Management im institutionellen Geschäft erreichten mit 187,9 Milliarden Euro einen Höchststand. Gefragt waren vor allem Produkte mit größeren Renditechancen wie Unternehmens- und Schwellenländeranleihen. Darüber hinaus gewannen Multi-Asset- und Absolute-Return-Produkte sowie Immobilieninvestments an Bedeutung. Weiterhin gestiegen ist das Interesse unserer institutionellen Kunden an nachhaltigen Lösungen. Nachhaltigkeit hat sich von einem weichen zu einem harten Anlagekriterium im Portfoliomanagement entwickelt und ist für viele Großanleger inzwischen Standard. Daher haben wir unser Angebot um einen Green- Bond-Fonds und auch einen Fonds erweitert, der die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beim Anlageprozess berücksichtigt. Insgesamt erreichten die nachhaltig angelegten Gelder ein Volumen von 33,5 Milliarden Euro, eine Steigerung um knapp acht Milliarden.

Wie sieht es bei den Privatkunden aus?

Im Privatkundengeschäft konnten wir mit 9,9 Milliarden Euro den besten Absatz seit 17 Jahren verzeichnen. Der Bestand privater Gelder stieg auf 136 Milliarden Euro und erreichte ebenfalls einen Höchststand. Im Zentrum des Interesses standen erneut vor allem Multi-Asset-Lösungen, Offene Immobilienfonds und das ratierliche Fondssparen. An diesen Absatzschwerpunkten lässt sich erkennen, dass wir die Evolution des Sparens im Jahr 2017 wieder ein gutes Stück vorangebracht haben.

Wie war die Nachfrage nach Immobilienfonds?

Die drei Offenen Immobilien-Publikumsfonds und der im Juli 2017 aufgelegte Fonds UniImmo: Wohnen ZBI für Privatkunden verbuchten im letzten Jahr Nettomittelzuflüsse in Höhe von 2,3 Milliarden Euro, obwohl die Nachfrage nur zu einem kleinen Teil bedient werden konnte. Auf den Wohnimmobilienfonds entfielen dabei 618 Millionen Euro. Wir werten diesen Erfolg als Bestätigung unserer Entscheidung, das Investitionsspektrum auf der Immobilienseite um das Thema Wohnen zu erweitern und uns dafür an der ZBI zu beteiligen.

Immer mehr deutsche Sparer entdecken auch Fondssparpläne für sich.

Ja, die Zahl der klassischen Fondssparpläne wuchs auf knapp 1,9 Millionen Verträge, ein Plus von 29 Prozent, ebenfalls ein neuer Höchststand. Dabei investierten die meisten Sparplankunden in Aktien-, Misch- oder Immobilienfonds. Kurzum: Wir haben das Jahr 2017 im Privatkundengeschäft mit einer sehr positiven Bilanz abgeschlossen. Uns ist es gelungen, die Beziehung zu unseren privaten Kunden im vergangenen Jahr zu festigen und unsere Leistungen auszubauen.

Trotzdem glauben noch immer viele Deutsche, dass eine Investition an der Börse nur etwas für Reiche oder Vermögende sei.

Ja, genau 42 Prozent glauben dies. Allerdings zeigt das genossenschaftliche Fondsgeschäft inzwischen ein anderes Bild. Unsere Kunden kommen aus der Mitte der Gesellschaft, haben ein durchschnittliches Netto-Haushalts-Einkommen von rund 3.800 Euro monatlich und sparen 245 Euro im Monat für ihre Wünsche und Anlageziele. Wir sind als genossenschaftliches Institut ein Unternehmen aus der Mitte der Gesellschaft und wir bieten passgenaue Anlagelösungen für Menschen in der Mitte der Gesellschaft, nämlich den Sparern und Eigentümern der Genossenschaftsbank um die Ecke. Daher ist es auch künftig unser Anspruch, das Vertrauen unserer Kunden durch große Verlässlichkeit und eine hohe Konstanz in unseren Leistungen zu bestätigen.

Was stimmt Sie in Sachen Wachstumschancen optimistisch?

Jede Branche steht vor Herausforderungen, auch das Asset Management. Wir haben an dieser Stelle kein Erkenntnisproblem, denn die großen Baustellen liegen auf der Hand: belastende Regulierung, Volatilität der Kapitalmärkte, Monokultur beim Sparen, betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten und anderes mehr. Wichtig ist, dass man sich auf dieses Umfeld einstellt und seine Hausaufgaben macht. Für unser Haus kann ich hier eine positive Bilanz ziehen, wir sind gut aufgestellt und bei zahlreichen Entwicklungen vor der Kurve. Auch habe ich den Eindruck, dass die Mehrheit der deutschen Kapitalanlagegesellschaften inzwischen ihre Geschäftsmodelle auf erkennbare Risiken ausgerichtet hat.

Bei allem Fortschritt liegt in der Evolution des Sparens noch eine große Strecke vor uns. Und all das, was die Fondsanlage tatsächlich ausmacht, ist vielen nicht bekannt oder wird unterschätzt. Wir sind überzeugt, dass Asset Manager den Sparern in Deutschland gerade im aktuellen Umfeld einen langfristigen Mehrwert bieten und unsere Branche einen wichtigen Beitrag leisten wird, um den Wohlstand der Menschen in Deutschland zu sichern und auszubauen. Die Fondsanlage steht wie keine andere Anlageform für eine breite Allokation der Gelder.

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