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Landwirtschaft: Mitarbeiterführung und Selbstführung entscheidende Erfolgsfaktoren

VR-Agrartage 2019
BWGV

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In der deutschen Landwirtschaft arbeiten immer mehr angestellte Arbeitskräfte. Mehr als die Hälfte der insgesamt rund 940.000 Arbeitskräfte sind mittlerweile fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder Saisonarbeitskräfte. Während der Anteil an ständig beschäftigten Arbeitskräften kontinuierlich wächst, sinkt der Anteil an Familienarbeitskräften. Er liegt bei weiter abnehmender Tendenz mittlerweile nur noch bei rund 48 Prozent. Diese Verschiebung hin zu mehr Betrieben mit angestellten Mitarbeitern führt dazu, dass Themen wie Mitarbeitergewinnung, -führung und -motivation verstärkt in den Fokus rücken. „Mitarbeiter führen zu wollen und führen zu können, wird immer mehr zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor in der Landwirtschaft“, betont Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), anlässlich der diesjährigen VR-Agrartage der Volksbanken und Raiffeisenbanken.

Unter der Überschrift „In Führung gehen“ haben in der Kultur- und Festhalle Kochana in Oedheim 550 Landwirte und Vertreter der Volksbanken und Raiffeisenbanken aus der gesamten Region darüber diskutiert, was eine gute Mitarbeiterführung in der Landwirtschaft ausmacht, welche Chancen sie bietet und welche speziellen Konflikte im Umgang mit Angestellten in der Landwirtschaft drohen. Aufgrund des großen Interesses findet der VR-Agrartag in diesem Jahr erstmalig an zwei Tagen (6. und 7. November) in Oedheim statt. Weitere VR-Agrartage sind am 14. November in Öhringen, am 21. November in Laupheim und am 28. November in Sigmaringen.

Trend geht zu immer größeren Betrieben

„Deutschlandweit ist ein Trend hin zu größeren Betrieben deutlich zu erkennen“, erklärt Dr. Ansgar Horsthemke, Generalbevollmächtigter und Bereichsleiter Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften des BWGV, auf dem Agrartag. Dies gelte auch für Baden-Württemberg, wo traditionell eher kleinere Betriebsgrößen von durchschnittlich 35 Hektar Nutzfläche dominieren. „Auch im Südwesten werden die Betriebe größer, und damit steigen auch die zeitlichen Anforderungen hinsichtlich Management-Aufgaben und Verwaltung für die Betriebsleiter“, führt Horsthemke aus. Dies habe zur Folge, dass vermehrt originäre landwirtschaftliche Arbeiten auf dem Feld oder im Stall durch angestellte Mitarbeiter erledigt werden müssen. Horsthemke: „Hinzu kommt, dass zu Zwecken der Produktivitätssteigerung immer häufiger mit moderner Technik gearbeitet wird, die Know-how und Einarbeitung erfordert und daher von reinen Aushilfskräften nicht bedient werden kann.“

Gerade für Familienbetriebe, die bisher keine ständig angestellten externen Arbeitskräfte hatten, ist der Schritt zum Arbeitgeber durchaus bedeutend und mit Herausforderungen, mitunter auch mit Konflikten, verbunden. „Es beginnt damit, dass Arbeitnehmer in der Landwirtschaft klare Wünsche und Anforderungen an ihren Arbeitgeber haben. Mit archaischen Vorstellungen von Knecht und Magd hat dies schon lange nichts mehr zu tun“, so der BWGV-Experte.  Dabei stehe oftmals gar nicht allein die Bezahlung im Vordergrund. Ein gutes Arbeitsumfeld, geregelte Arbeitszeiten, das Respektieren des Freizeit- und Urlaubsanspruchs, Perspektiven zur Weiterentwicklung sowie auch Lob und Anerkennung seien für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ungemein wichtig.

Horsthemke: Ziele des Personaleinsatzes klar definieren

Beim VR-Agrartag wurde deutlich, dass diesbezüglich die Lernkurve in manchen landwirtschaftlichen Betrieben noch steil sein muss. Horsthemke: „Viele landwirtschaftliche Unternehmer waren noch nie Chef und müssen erst lernen, zu delegieren und auch Verantwortung zu übergeben.“ Er plädiert dafür, dass schon vor der Suche und der Einstellung eines oder mehrerer Mitarbeiter das damit verbundene Ziel klar definiert wird. Wird ein Wachstum und eine Produktivitätssteigerung angestrebt? Geht es darum, dass der Betriebsleiter mehr Zeit für die Familie hat? Oder soll durch den Einsatz von neuen Maschinen ein Modernitätsschub eingeläutet werden?

In der Mitarbeiterführung sei es wichtig, die eigenen Ansprüche an sich selbst nicht eins zu eins auf den Mitarbeiter zu übertragen: Mitarbeiter würden grundsätzlich geregelte Arbeitszeiten und einen Freizeitausgleich für Mehrarbeit erwarten und daher dürfe der eigene persönliche Einsatz als Inhaber nicht auf Mitarbeiter projiziert werden. „Sonst ist der Konflikt vorprogrammiert“, betont BWGV-Generalbevollmächtigter Horsthemke. Nicht minder wichtig sei es, zwischen Mitarbeitern und mitarbeitenden Familienmitgliedern zu unterscheiden sowie Privat- und Arbeitsleben zu trennen. Zu einer guten Führung gehörten auch klare Zuständigkeiten – gerade in einem Familienbetrieb müsse ein Mitarbeiter wissen, wem er unterstellt ist, und wer ihm gegenüber weisungsbefugt ist.  Gleichzeitig würden sich durch ständig angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch die Anforderungen an den Betriebsleiter erweitern. Er muss Zeit für die Delegation der Arbeit einplanen, klare Arbeitsaufträge erteilen, unabhängig des Wetters Arbeit vorhalten und verlässlich für die Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Horsthemke: „Außerdem geht es darum, nicht nur zu sagen, was der Mitarbeiter zu tun hat, sondern ihm dabei zu helfen, die an ihn übertragenen Aufgaben erfolgreich auszuführen. Sich selbst gut zu organisieren und sich selbst zu führen sind ungemein wichtige Parameter.“

Spannende Fachvorträge und Diskussionsrunde

Auf dem VR-Agrartag wurden diese unterschiedlichen Facetten von Führen in der Landwirtschaft in Vorträgen und Diskussionsrunden herausgearbeitet: Albrecht Bühler, selbstständiger Landschaftsgärtner aus Nürtingen, referierte über Mitarbeitergewinnung und -bindung, die mögliche Integration von Flüchtlingen sowie Grundsätze der Ausbildung. Melanie Jung, Betriebsleiterin des Weinguts und Ackerbaubetriebs „Jung&Knobloch“ in Albig (Rheinhessen), berichtete über ihre eigenen Erfahrungen, in einem Betrieb den ersten Mitarbeiter einzustellen, und auch wie es ist, einen Betrieb mit 15 Angestellten zu übernehmen. Johannes M. Hüger, Trainer, Buchautor und Geschäftsführer der xpand Deutschland GmbH, sprach über die Vorbildfunktion des Betriebsleiters, wertschätzende Führung gegenüber sich selbst und anderen und wie dies dabei hilft, sich selbst und Mitarbeiter zu motivieren und mit Freude zu arbeiten.

In einer spannenden Diskussionsrunde tauschten sich Bühler, Jung und Hüger mit Michael Freiherr von Gemmingen, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitgeberverbands der Land- und Forstwirtschaft in Baden-Württemberg, aus. Kabarettistische Einlagen gab es von „Hillu’s Herzdropfa“.

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