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Klein, aber fein: Ein genossenschaftlicher Dorfladen behauptet sich

Tairnbacher Dorflädl eG
Gunter Endres

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Die Erfolgsaussichten waren nicht unbedingt glänzend. Als im Mühlhausener Ortsteil Tairnbach die Idee geboren wurde, einen genossenschaftlichen Lebensmittelladen für das 1200-Einwohner-Dorf im Kraichgau auf die Beine zu stellen, meinte die mit der Evaluation beauftragte Unternehmensberatung, dass das Vorhaben nicht risikolos sei, erinnert sich eG-Vorstandsmitglied Rüdiger Egenlauf. „Mit nur 50 Quadratmetern Verkaufsfläche und einigen großen Supermärkten in den umliegenden Gemeinden war das schon ein mutiges Unterfangen“, so Egenlauf, welcher auch Ortsvorsteher von Tairnbach ist und deshalb einen guten Draht ins Rathaus Mühlhausen hat. Dort stand damals im Herbst 2011 eine Bürgermeisterwahl an. Jens Spanberger, damals Bewerber und heute Bürgermeister der Gemeinde im Süden des Rhein-Neckar-Kreises und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Dorfladen-Genossenschaft in Tairnbach, war Feuer und Flamme für die Idee, durch bürgerschaftliches Engagement die Nahversorgung mit Lebensmitteln zu bewerkstelligen.

Glänzender Start durch erfolgreiche Info-Veranstaltungen

Eine erste Informationsveranstaltung, in der das Vorhaben der Bürgerschaft vorgestellt wurde, war ein voller Erfolg „Wir waren überrascht, wie riesengroß das Interesse am Thema war“, sagt Bürgermeister Spanberger. 230 unterschriebene Absichtserklärungen für die Mitgliedschaft in der zu gründenden Genossenschaft kamen zusammen. „Dr. Roth, unser Neugründungsberater vom BWGV, meinte, wenn davon 70 bis 80 Prozent tatsächlich Genossenschaftsanteile zeichnen, sei dies gut“, erinnert sich Vorstandsmitglied Volker Maier. Die Erfolgsquote zur Gründungsversammlung im Dezember 2012: 100 Prozent. 230 Mitglieder, darunter die Gemeinde Mühlhausen und die regionale Genossenschaftsbank, die Volksbank Kraichgau eG, als die beiden größten Anteilszeichner, machten mit. Dass die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft gewählt wurde, liegt in der demokratischen Teilhabe jedes einzelnen Mitglieds begründet. „Die eG passt gut für bürgerschaftliches Engagement“, so Spanberger. Ein Anteil kostet 100 Euro, 40.000 Euro Grundkapital kamen so zusammen.

Und jede Menge ehrenamtlich erbrachte Arbeitsstunden sowie das großzügige Entgegenkommen der beteiligten Handwerker. Auch die Volksbank, bis 2016 Eigentümer der Räumlichkeiten, hat das Projekt auf vielfältige Weise unterstützt. Die Gemeinde Mühlhausen hat das Gebäude, in dem zusammen mit dem Laden unter einem Dach noch eine Kinderkrippe und eine Metzgereifiliale untergebracht sind, von der Volksbank gekauft und ist seither der Vermieter.

Viel Aufwand bis zur Eröffnung

Doch bevor das Dorflädl im September 2013 eröffnen konnte, wartete noch ungeheuer viel Arbeit auf die damals noch kleine Zahl an Ehrenamtlichen. Es war ein kompletter Neubeginn. „Der Weg war steinig“, so Aufsichtsratsvorsitzender Spanberger. Die Ladeneinrichtung musste aus verschiedenen Ecken und Enden der Region zusammengetragen und eine internetfähige Kasse angeschafft werden. Auch der „Kampf mit der Bürokratie“ war zu bestehen. Eine Garage wurde zum Kühlraum umgebaut. Die schwierige Frage des Angebotssortiments war zu beantworten.

Nun, viereinhalb Jahre später, kann man sagen: Es war die Mühe wert. Vor allem die älteren Tairnbacher haben nicht nur eine zu Fuß gut erreichbare Einkaufsmöglichkeit für den täglichen Bedarf, sondern auch einen sozialen Treffpunkt. Vorm Lädl steht seit geraumer Zeit eine Schwätzbank, drinnen gibt es frischen Kaffee zu den Backwaren, die wie viele andere Lebensmittel – beispielsweise Obst und Gemüse sowie Eier – von Erzeugern aus der Region kommen. Lieferant des Kernsortiments ist Edeka.

Kundenbefragung und geänderte Öffnungszeiten

Die Verantwortlichen sind stets auf der Suche nach Verbesserungen sowie zusätzlichen Angeboten und Aktionen. Ende 2016 gab es eine Kundenbefragung. Eines der Ergebnisse daraus: Die Öffnungszeiten – das Dorflädl hat 43,5 Stunden in der Woche geöffnet – wurden geändert. „Viele Kunden wollen auch nachmittags nach der Arbeit einkaufen. Also haben wir unsere Zeiten diesem Wunsch angepasst“, sagt Vorstandsmitglied Maier. An der morgendlichen Ladenöffnung wurde nicht gerüttelt: Montag bis Samstag wird bereits um 6.30 Uhr aufgesperrt. Dies übernehmen sieben angestellte Frauen, die in Teilzeit beziehungsweise im Minijob für die Genossenschaft tätig sind. Der kleine Laden ist überwiegend mit nur einer Person besetzt. Das reicht, und schließlich gilt es, die Personalkosten im Rahmen zu halten. Nachteil dabei: Zusätzliche Services wie eine angefragte Wäschereinigungs- oder Paketannahme sind da nicht möglich. Aber auch deshalb nicht, weil dafür im Laden schlicht kein Platz ist. Doch dafür gibt einen Bargeld-Service an der Kasse. Ab einer Einkaufssumme von 10 Euro können die Kunden 200 Euro „abheben“. Dahinter steht die Volksbank Kraichgau, die auch die Kosten für den Vorgang trägt. Zudem macht der Dorfladen bei einem EU Schulfruchtprogramm mit. Das lockt die Eltern, die ihre Kinder in den benachbarten Kindergarten bringen, ins Geschäft. Zudem tätigen die örtlichen Vereine ihre Großbestellungen im Laden.

Der Jahresumsatz des Dorflädls liegt bei rund 250.000 Euro. Damit lässt sich eine schwarze Null schreiben. „Unser Dorfladen ist mittlerweile verfestigt, darauf sind wir stolz“, meint entsprechend Aufsichtsratschef Spanberger. Nichtsdestotrotz müssen die Verantwortlichen der Genossenschaft jeden Kostenfaktor genau unter die Lupe nehmen. „Ohne unsere vielen ehrenamtlichen Helfer, zurzeit etwa 20, wäre der Betrieb des Ladens nicht vorstellbar. Man denke nur an die Frühaufsteher, die die morgendliche Edeka-Warenanlieferung entgegennehmen. Sollte ein kurzfristiges Aushelfen nötig sein, gibt es eine WhatsApp-Gruppe, die sich über diesen beliebten Smartphone-Messaging-Dienst gegenseitig informiert, sollte einmal Not am Mann sein und eingesprungen werden muss. Vorstandsmitglied Maier: „Ehrenamtliche sind herzlich willkommen.“

Neue Ideen und vereinfachte Prüfung

Dem Genossenschaftsvorstand mangelt es nicht an neuen Ideen. „Eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach wäre eine tolle Sache, um unsere Stromkosten, die vor allem unsere Kühlaggregate verursachen, zu verringern“, sagt Vorstandsmitglied Egenlauf. Dies ist momentan in der Recherche auf eventuelle Umsetzung. Im Gegensatz zur vereinfachten Prüfung durch den BWGV ab 2019. Die ist unter Dach und Fach. Die Novelle des Genossenschaftsgesetzes von Mitte 2017 macht es möglich. Alle vier Jahre steht die große Prüfung an, dazwischen im Zwei-Jahres-Rhythmus die kleine mit lediglich einer Durchsicht von maximal sechs einzureichenden Unterlagen wie zum Beispiel die Mitgliederliste und Sitzungsprotokolle der Organe der Genossenschaft. Das macht es der Tairnbacher Dorflädl eG noch etwas leichter, nachhaltig die Ortsmitte lebendig zu halten und die Nahversorgung mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Die ganz jungen und die älteren Tairnbacher werden dies zu schätzen wissen.

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