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Interview: Raiffeisens Ideen sind aktueller denn je

200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen Das Raiffeisen-Jahr 2018 Mensch Raiffeisen. Starke Idee!
Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft

Werner Böhnke, Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, erläutert im Geno-Graph-Interview, warum das Raiffeisen-Jahr 2018 mehr als eine Gedenkveranstaltung ist. Vor 200 Jahren wurde der Mitbegründer des modernen Genossenschaftswesens geboren – heute trifft das gemeinsame Wirtschaften unter dem Dach von Genossenschaften den Nerv der Zeit. Und interessiert auch immer mehr jüngere Menschen.

Werner Böhnke, Vorsitzender der Raiffeisen-Stiftung
Werner Böhnke, Vorsitzender der Raiffeisen-Stiftung

 

Herr Böhnke, am 30. März 2018 jährt sich der Geburtstag Friedrich Wilhelm Raiffeisens zum 200. Mal. Sie nehmen das zum Anlass, ein Raiffeisen-Jahr auszurufen. Wen wollen Sie erreichen?

Mehr als 22 Millionen Deutsche sind Mitglied in einer Genossenschaft, weltweit sind es über 1 Milliarde, und unabhängig von der Mitgliedschaft haben gut und gerne drei Milliarden Menschen mit Genossenschaften zu tun. Die Unesco hat die Genossenschaftspraxis gerade erst zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit geadelt. Raiffeisens Ideen sind also aktueller denn je. Das wollen wir gebührend würdigen und dafür würde auch in einer weniger schnelllebigen Zeit als der heutigen ein Tag nicht ausreichen.

„Wir können ohne falsche Bescheidenheit darauf hinweisen, dass Genossenschaften wirtschaftlich erfolgreich, sozial und demokratisch sind“

2017 war das Lutherjahr, 2018 wird es auch um Karl Marx gehen, macht er doch ebenso die 200 voll. Wie sehen Sie sich angesichts dieser Begleitumstände positioniert?

Mal ganz abgesehen davon, dass das wunderbar passt, steht Raiffeisen doch für christliche Nächstenliebe und Moral ebenso wie für soziales Wirtschaften und Wirtschaftsreformen – das ist eine sehr gute Ausgangssituation. Wir – und das meint jetzt nicht nur die Raiffeisen-Gesellschaft, sondern alle überzeugten Genossenschaftler – wollen ja nicht nur an die Vergangenheit erinnern. Wir wollen auch erreichen, dass die Genossenschaftsfamilie weiter wächst, weil wir von den Grundprinzipien überzeugt sind. Dafür bietet uns das Jubiläum eine einmalige Chance: Wir können in diesem Jahr ohne falsche Bescheidenheit darauf hinweisen, dass Genossenschaften wirtschaftlich erfolgreich, sozial und demokratisch sind.

Das ist die Ebene der Werte und der großen Ideen. Und wie sieht es aus, wenn wir uns die drei großen Männer – Luther, Marx und Raiffeisen – anschauen?

Für mich persönlich ist Raiffeisen ein Vorbild. Ich finde es beeindruckend, wie er seine Umwelt und sein eigenes Handeln reflektiert und hinterfragt hat, die Initiative ergriffen hat, um Probleme zu lösen, wie er sich in den Dienst einer guten Sache gestellt und andere dafür mobilisiert hat. Getreu dem Motto: ,Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.‘ Mit diesem Satz können sich im Übrigen auch viele identifizieren, die Raiffeisen noch nicht kennen. Er verkörpert Begriffe wie Miteinander, Solidarität und Aktivität. Und im Vergleich mit den beiden anderen Personen ist natürlich nicht ganz zu leugnen, dass sich auf Raiffeisens Andenken über die Jahre hinweg vielleicht ein wenig Staub gelegt hat. Das Raiffeisen-Jahr – so hoffen wir – wird ihm aber neuen Glanz verleihen. Der Mensch und sein Lebenswerk haben es verdient.

Wie würden Sie Raiffeisens Verdienst im Rückblick beschreiben?

Raiffeisen hat im 19. Jahrhundert eine Form des Wirtschaftens mitbegründet, die Menschen darin unterstützt, gemeinsam Verantwortung für ihre Region und ihre Gemeinschaft zu übernehmen, dabei den einzelnen Genossenschaftsmitgliedern ein Mitspracherecht gibt und insgesamt das Wohl aller viel stärker in den Mittelpunkt stellt als den Profit für einzelne. Dass dieser Ansatz weltweit Karriere gemacht hat, zeigt die Strahlkraft der Idee wahrscheinlich besser als die gängige Formulierung, Raiffeisen sei einer der Väter der Genossenschaftsidee gewesen. Raiffeisen war jemand, der immer wieder deutlich gemacht hat, dass wirtschaftliche Aktivitäten auf Vertrauen beruhen und nicht über die Köpfe der Menschen hinweg praktiziert werden dürfen. Auf seine Art hat er das Unternehmertum und die Wirtschaft sozialer gemacht. Menschlicher.

„Es ist wichtig, immer wieder zu betonen, wie nachhaltig und wie verlässlich Genossenschaftsbanken wirtschaften“

Sie sind nicht nur Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft, sondern auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der DZ Bank. Für den Werner Böhnke von den Genossenschaftsbanken dürfte das Vertrauen eine besondere Bedeutung haben.

Die sogenannte Finanzkrise hat uns allen doch deutlich vor Augen geführt, wie wichtig Anstand, Fairness und Vertrauen sind. Die Finanzbranche leidet noch heute unter einem beispiellosen Verlust an Vertrauen. Das schließt die bodenständigen Genossenschaftsbanken häufig leider mit ein, obwohl gerade sie für die Menschen nahbar sind und sich an den Exzessen, die zur Krise führten, nicht beteiligt haben. Die Menschen sehnen sich nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, die den Einzelnen nicht vergisst. Aber sie unterscheiden auch nach der Krise nicht unbedingt zwischen den unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Aus Bankensicht ist es daher wichtig, immer wieder zu betonen, wie nachhaltig und wie verlässlich Genossenschaften und Genossenschaftsbanken wirtschaften. Sicherheit ist ein großes Thema, auch bei den Jüngeren. Raiffeisen und das genossenschaftliche Modell bekannter zu machen, ist also ganz richtig. Gerade mit Blick auf junge Menschen.

Wie kann das gelingen?

Raiffeisens Kernbotschaften sind doch gerade für Jugendliche hochrelevant: ;Du bist nicht allein‘, ,Du kannst etwas tun‘, ;Zeig, was in dir steckt‘. Die Ärmel hochzukrempeln, Initiative zu ergreifen, nach Lösungen zu suchen – das macht das Genossenschaftliche aus: Selbstversorgung, Selbstverwaltung, Selbstverantwortung. Und Eigeninitiative. Immer mehr Start-ups werden als Genossenschaft gegründet, das zeigt mir: Genossenschaften sind für die Jüngeren nicht altmodisch, sondern sehr attraktiv. Sie passen zum Lebensgefühl einer Generation, der nachgesagt wird, dass sie es viel wichtiger findet, sich ideell zu verwirklichen als viel Geld zu verdienen.

Taugt ein Mann aus dem 19. Jahrhundert als Identifikationsfigur für diese Generation?

Raiffeisen war ein christlicher Mensch mit klarem moralischem Kompass. Nächstenliebe und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen, bleiben ja nicht seiner Zeit und seiner Religion vorbehalten. Das sind zeitlose, zutiefst menschliche Werte. Raiffeisen setzte sich für die arme Landbevölkerung ein, das waren damals die Bedürftigen. Raiffeisens Ansätze und Überzeugungen haben ein großartiges Potenzial für unsere Gegenwart und Zukunft. In einer Zeit der immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Lebensbedingungen suchen die Menschen die Überschaubarkeit, die Nähe und die verlässliche Orientierung. Anstand, Fairness und Solidarität sind jene Werte, die gerade für junge Menschen bedeutsam sind. Es sind Werte, die Raiffeisen stets wichtig waren.

Und da ist noch die globale Dimension.

Genau. In weiten Teilen der Welt ist unmittelbar zu erleben, wie wertvoll das genossenschaftlich orientierte, gemeinsame Wirken ist. Auch deswegen wurde die Genossenschaftspraxis in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit der Unesco aufgenommen. Entschieden von Vertretern aus 24 Vertragsstaaten. Dieses überraschende Comeback freut uns wirklich sehr und es macht uns stolz. Den daraus resultierenden Schwung wollen wir ins Raiffeisen-Jahr mitnehmen.

„Es gibt zahlreiche Anlässe, den Vordenker und Visionär Raiffeisen neu beziehungsweise wieder zu entdecken“

Wie sieht dieses Jahr genau aus?

Als Raiffeisen-Gesellschaft haben wir für 2018 den Anspruch, Raiffeisen und die Genossenschaftspraxis bundesweit ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Unter dem Motto „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“ erinnern wir mit einer großen Kampagne an die Anfänge der Genossenschaftsbewegung und eben an die Bedeutung von Raiffeisen für deren Entwicklung. Es geht aber nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart und die Zukunft: Wo begegnet uns Raiffeisen heute? Welche Orientierung kann er uns geben? Was hat er mit steigenden Mieten und mit neuen Medien zu tun? Das Jubiläumsjahr bietet eine Bühne für Raiffeisens Nachfahren in der Politik, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Es gibt zahlreiche Anlässe, den Vordenker und Visionär Raiffeisen neu beziehungsweise wieder zu entdecken.

Welche Aktionen sind konkret geplant?

Unter anderem gibt es Ausstellungen, Bücher, die genossenschaftliche Deutschlandreise von und mit Manuel Andrack, Wettbewerbe, ein neues Wirtschaftsmagazin und Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet. Das alles wird begleitet von einer umfassenden Online-Kommunikation, www.raiffeisen2018.de ist dafür der digitale Heimathafen. Übrigens, was viele nicht wissen: Der Betrieb und die Verwaltung der Top-Level-Domain „.de“ sowie alle damit einhergehenden Aktivitäten werden von einer Genossenschaft wahrgenommen.

Wie hat sich die große, dezentrale Genossenschaftswelt auf das Raiffeisen-Jahr vorbereitet?

Wenn die Genossenschaftswelt ihre Kräfte bündelt, kann sie in den Köpfen von Millionen Menschen viel bewegen. In der „Westerwälder Erklärung“ haben sich führende Verbände und Vertreter darauf eingeschworen und gemeinsame Ziele festgelegt. Das Raiffeisen-Jahr wird ein Projekt vieler werden. Damit sind wir wieder bei meinem Lieblingszitat ,Was einer alleine nicht schafft ...‘.

Die Fragen stellte Dirk Nordhoff vom Raiffeisen-2018-Organisationsbüro.

 

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