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Internationale Kooperation im Genossenschaftswesen: das Beispiel Mexiko

GESTE-Vositzender Dr. Roman Glaser bei der Geno-Tour in Mexiko
DGRV

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Die deutschen Genossenschaften haben aufgrund der historischen Entwicklung des Genossenschaftswesens sowie der hohen Bedeutung der genossenschaftlichen Unternehmensform für Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland weltweit Vorbildcharakter. Der Deutsche Genossenschafts-  und Raiffeisenverband  –  DGRV koordiniert die Auslandsaktivitäten der genossenschaftlichen Organisation und unterstützt, gefördert durch die Bundesregierung, beim Aufbau und der Stärkung genossenschaftlicher Systeme in über 30 Ländern auf allen Kontinenten. Der BWGV und die Genossenschaften in Baden-Württemberg unterstützen von Beginn an die internationale Arbeit des  DGRV. Seit Jahrzehnten besuchen jedes Jahr zahlreiche Delegationen aus allen Ländern der ganzen Welt den Verband und seine Mitglieder. Experten des BWGV unterstützen seit vielen Jahren die Projektarbeit sowohl als Kurzzeiter, aber auch als entsandte Projektmitarbeiter. Seit einiger Zeit fördern die Mitglieder des BWGV auch über die Stiftung GESTE Baden-Württemberg  zielgerichtet genossenschaftliche Initiativen. Die Vielzahl der Kontakte und der Erfahrungsaustausch sollte dabei aber nicht nur kurzfristig für die Erweiterung unserer regionalen Perspektive sorgen. Vielmehr sollten die Genossenschaften in der Zukunft das Potenzial ihrer internationalen Netzwerke noch viel stärker nutzen, um besser auf die richtungsweisenden Prozesse und Entscheidungen internationaler Standardsetter und Organisationen einwirken zu können.

Mexikanische Genossenschaften für finanzielle Inklusion

Der Besuch von BWGV-Präsident Dr. Roman Glaser in Mexiko war sicher ein weiterer Schritt in diese Richtung. Mexiko und Deutschland haben nicht nur wegen der Produktion des legendären VW-Käfers in Puebla eine langjährige erfolgreiche Handelsbeziehung. Sie sind als G20-Mitglieder wichtige Partner und Verbündete in vielen gemeinsamen Anstrengungen zur Erreichung internationaler Vorhaben wie beispielsweise dem Klimaschutz. Auch bei der Bedeutung der Genossenschaften für wichtige Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft finden sich zahlreiche Gemeinsamkeiten. Der Zugang für Kleinunternehmer zu adäquaten  Finanzdienstleistungen ist in Mexiko bisher beispielsweise nicht flächendeckend gewährleistet. Die Genossenschaften leisten sowohl bei der finanziellen Inklusion als auch bei der Finanzierung von Kleinbauern einen anerkannt wichtigen Beitrag.

Die Spar- und Kreditgenossenschaft (SKG) Acreimex aus Oaxaca, einer mittelgroßen Stadt etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Mexiko-Stadt, die gleichzeitig Landeshauptstadt des gleichnamigen und eines der ärmsten Bundesländer ist, schafft hier Abhilfe. Innerhalb von wenigen Jahren wurden für inzwischen über 140.000 Mitglieder – 2007 waren es noch unter 35.000 – ein anspruchsvolles Portfolio an Finanzdienstleistungen und 45 Servicecentern geschaffen. Damit diese rasante Entwicklung durch ein gesundes organisches Wachstum begleitet werden konnte, unterstützt der DGRV in Mexiko die SKG durch technische Beratung in Governance, Kontrollsystemen, Risikomanagement, aber auch bei der Schulung der Kleinunternehmer durch ein modernes Blended-Learning-Konzept. Glaser konnte sich am ersten Tag der Geno-Tour von den Dienstleistungen und der Entwicklung der SKG vor Ort bei einem Besuch in Oaxaca überzeugen. Bei einer spannenden Diskussion mit Vertretern der Geschäftsleitung und der Gremien wurden aber auch Herausforderungen im Umgang mit den Regulierungs-  und  Aufsichtsbehörden angesprochen.

Austausch mit mexikanischen Parlamentsabgeordneten

Angemessene rechtliche Rahmenbedingungen für die Tätigkeit der Genossenschaften in Mexiko und Deutschland standen am zweiten Tag der Geno-Tour im Mittelpunkt eines Austauschs mit Abgeordneten des mexikanischen Parlaments. Die Vorsitzende des Ausschusses zur Förderung der Genossenschaften und der Sozialwirtschaft, Norma Xochitl Hernandez Colin, die im Juni 2017 mit einer mexikanischen  Delegation nicht nur den BWGV, die Volksbank Kirchheim-Nürtingen sowie die Bürgerenergiegenossenschaft Ostfildern besucht,  sondern auch am Genossenschaftstag in Ulm teilgenommen hatte, lud neben der BWGV-DGRV-Delegation auch Vertreter des mexikanischen Genossenschaftssektors zu einem Arbeitsfrühstück in den Kongress ein. Es wurde hinsichtlich der Rechtsform Genossenschaft in dieser Runde aber durchaus auch kontrovers diskutiert, insbesondere was die  unternehmerische Ausrichtung und die Abgrenzung zur Sozialwirtschaft angeht. In jedem Fall sollten diese Kontakte mit den Parlamentariern im Rahmen eines internationalen Modells der genossenschaftlichen Interessenvertretung ausgebaut und genutzt werden.

Treffen zwischen Vertretern des deutschen und des mexikanischen Genossenschaftswesens
Das Besuchsprogramm umfasste neben der Geno-Tour samt Treffen mit mexikanischen Parlamentsabgeordneten auch das erste
Zukunftsforum Genossenschaften in Mexiko (Dritter von links BWGV-Präsident Dr. Roman Glaser).

Nach dem Besuch des Parlaments und einem kurzen Besuch des DGRV-Büros in Mexiko-Stadt stand ein Erfahrungsaustausch mit dem nationalen Dachverband der SKG in Mexiko, der Concamex, auf dem Programm. Concamex vertritt die Interessen der Finanz-Genossenschaften und ist wie der BVR in Deutschland erster Ansprechpartner der Finanzmarktaufsicht. Für Concamex waren neben den regulatorischen Herausforderungen  vor allem die Ausführungen von Glaser zur Organisation der Interessenvertretung der Genossenschaftsbanken in Deutschland durch den BVR und die Regionalverbände sehr gefragt.

Zum Ausklang wurde mit ANEC, einem Dachverband von kleinbäuerlichen Organisationen mit genossenschaftlichen  Strukturen, ein Workshop zur Frage der Nachhaltigkeit und Effizienz von Integrationsmodellen veranstaltet. Neben den unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Ausgangslagen hierzu in Mexiko und Deutschland – Pflichtmitgliedschaft und Pflichtprüfung seien hier stellvertretend genannt – wurde mit Vertretern der genossenschaftlichen Mitglieder lebhaft über Erfolgsfaktoren und Erfolgsgeschichten diskutiert.

Erstes Zukunftsforum Genossenschaft in Mexiko

Das erste Zukunftsforum Genossenschaft in Mexiko war bei der Geno-Tour dann die Königsetappe. Hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Politik, den Entwicklungsbanken und dem Bildungssektor referierten am Vormittag vor zahlreichen Repräsentanten der Genossenschaften über relevante Zukunftsthemen. Neben Glaser berichteten die Kolleginnen Elena Uriostegui und Susanne Guamba von der ADG in einer Videokonferenz über Erfahrungen bei der Entwicklung von genossenschaftlichen Ausbildungssystemen und stellten die ersten Ergebnisse des gemeinsamen Projekts dazu in Mexiko vor. Am Nachmittag wurde in drei Fachforen mit den Teilnehmern über konkrete Erfahrungen und strategisch wichtige Weichenstellungen bei der finanziellen Inklusion, der Entwicklung ländlicher Räume mit und der Ausbildung bei Genossenschaften diskutiert. Neben den fachlichen Aspekten wurde aber vor allem auch die Gelegenheit zum Austausch und Kennenlernen auch bisher nicht bekannter Akteure aus dem Genossenschaftssektor von den Teilnehmern intensiv genutzt. Die Veranstaltung endete mit einem ersten kleinen Schreck in Form eines ersten Erdbebenalarms. An diesem Abend war glücklicherweise aber noch nichts zu spüren und so konnte am nächsten Tag wie geplant auch der Besuch der Genossenschaftsstadt von Cruz Azul unternommen werden. Um die Produktionsgenossenschaft Cruz Azul, die im nationalen  Markt  unter  den  größten  drei  Zementproduzenten  agiert, haben sich insgesamt sechs weitere Genossenschaften, unter anderen eine Transport- sowie eine Spar- und Kreditgenossenschaft, formiert. Zwischen der von Glaser angeführten Delegation des DGRV und des BWGV kam es neben den Besuchen der Fabrik und der SKG Finagam auch zu einem angeregten Meinungsaustausch über die Herausforderungen für die Warengenossenschaften und deren Strukturen.

In diesen vier intensiven Tagen des gegenseitigen Kennenlernens zwischen den mexikanischen und deutschen Genossenschaften wurden viele Ideen entwickelt, die als Grundlage für eine Fortsetzung des Austauschs dienen können, und dies auch über die Projektarbeit des DGRV hinaus, zum Vorteil und der weiteren Vernetzung der Genossenschaften weltweit.

Nach den Erdbeben hat sich der mexikanische Genossenschaftssektor an den zahlreichen Hilfsmaßnahmen beteiligt und nun gilt es zu überlegen, inwiefern genossenschaftliche Selbsthilfeprojekte zum Wiederaufbau und der Wiederaufnahme von Kleinstbetrieben der  marginalisierten Bevölkerung genutzt werden können, gerade in den folgenden schwierigen  Monaten, wenn die mediale internationale und nationale Aufmerksamkeit nachgelassen hat.

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