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Genossenschaften: Ordentliches Jahr 2018 und spannende Neugründungen

Genossenschaften: Ordentliches Jahr 2018 und spannende Neugründungen
BWGV

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Ordentliches Jahr für die Genossenschaften: Die Umsätze der 627 (2017: 633) Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in Baden-Württemberg haben 2018 um 1,6 Prozent auf 8,42 Milliarden Euro zugelegt. „Vor dem Hintergrund der zahlreichen Herausforderungen im vergangenen Jahr – insbesondere in der Landwirtschaft – sind diese Zahlen sehr respektabel“, sagt Präsident Dr. Roman Glaser auf der Jahrespressekonferenz des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) im Stuttgarter GENO-Haus. Die Umsätze der 320 landwirtschaftlichen Genossenschaften verringerten sich leicht um 0,2 Prozent auf 3,53 Milliarden Euro, die der 307 gewerblichen Genossenschaften legten derweil um 2,9 Prozent auf 4,89 Milliarden zu. Die Zahl der Genossenschaftsmitglieder in Baden-Württemberg stieg im gleichen Zeitraum um 19.665 auf mehr als 3,94 Millionen – ein neuer Rekordwert. Zehn Genossenschaften sind 2018 in den unterschiedlichsten Feldern gegründet worden, vier waren es bisher im Jahr 2019.

Einen Schwerpunkt bei den Gründungen der vergangenen Jahre bilden Genossenschaften im kommunalen Umfeld: Neben der ärztlichen Versorgung stehen Themen wie Mobilität, Betreuung, Pflege, Bildung und die Entwicklung von Stadtquartieren auf der Agenda. „Genossenschaften können dort eine Lösung sein, wo sich die Öffentliche Hand nicht so stark wie eigentlich notwendig engagieren will oder kann“, verdeutlicht BWGV-Präsident Glaser. Im laufenden Jahr gab es bis heute vier Gründungen in Baden-Württemberg: die BürgerEnergiegenossenschaft Boxberg eG (Main-Tauber-Kreis), die Culinary Coffee eG in Heilbronn, die Advice HR Circle eG in Karlsbad und das Ärztehaus der Stadt Tengen eG (Kreis Konstanz).

Gesundheitsgenossenschaften als Lösung für drohenden Ärztemangel

Ein besonders spannendes Konzept sind Gesundheitsgenossenschaften wie kooperative Pflegeangebote und -einrichtungen oder das vor wenigen Tagen gegründete Ärztehaus in Tengen, mit denen unter anderem dem drohenden Ärztemangel insbesondere im ländlichen Raum begegnet werden kann. Praxisgenossenschaften etwa bieten flexible Arbeitszeiten, Angestelltenverhältnisse und Möglichkeiten zur Teilzeit-Beschäftigung für Mediziner sowie geteilten Verwaltungsaufwand. Das ist für junge Medizinerinnen und Mediziner häufig attraktiver als die Selbstständigkeit. „Die qualitativ hochwertige, flächendeckende und ortsnahe medizinische Versorgung ist ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Städte und Gemeinden. Hierbei können Genossenschaften eine wichtige Rolle spielen“, verdeutlicht Glaser. Aus diesem Grund ist auf Initiative des Gemeindetags, des Hausärzteverbands und des BWGV eine Erprobung genossenschaftlicher Hausarztmodelle durch das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz sowie das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg gestartet – auch und gerade an Orten, an denen es keine oder nur noch wenige Ärzte gibt. Noch bis August laufen Machbarkeitsanalysen in sieben Städten und Gemeinden beziehungsweise Gemeindeverbünden. Anschließend sollen in drei Pilotkommunen öffentlich geförderte Modellprojekte starten. Unabhängig davon werden genossenschaftliche Lösungen von Ärzten selbst mittlerweile bundesweit stark nachgefragt.

Genossenschaften ideal für die Betriebsnachfolge im Handwerk

Besonders gut eignen sich genossenschaftliche Lösungen auch für Herausforderungen in kleinen und mittleren Unternehmen – etwa beim drängenden Thema der Betriebsnachfolge. „Bereits drei gute Mitarbeiter genügen, um eine Genossenschaft zu gründen und so den Betrieb gemeinsam fortzuführen“, berichtet Glaser. Der bisherige Inhaber kann seinen Betrieb in vertraute Hände geben und benötigt keinen einzelnen Käufer, der alles alleine übernimmt. Zudem besteht die Möglichkeit, dass der bisherige Inhaber für einige Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft wird und den Betrieb und die neue Geschäftsleitung so weiter begleiten kann. Der BWGV sieht in den kommenden Jahren ein enormes Potenzial für Genossenschaftsgründungen zur Nachfolgeregelung beziehungsweise Mitarbeiterbeteiligung. Das trifft vor allem auf das Handwerk zu, in dem der Bedarf besonders hoch ist. „Gemeinsam lassen sich die anstehenden Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme, aber auch die zunehmende Konkurrenz durch andere Anbieter sowie die Digitalisierung besser bewältigen“, ist Präsident Glaser überzeugt. Mit einem Umsatzwachstum von 1,8 Prozent auf 1,24 Milliarden Euro war die Entwicklung der 27 Genossenschaften des Handwerks 2018 positiv. Mehr als 11.700 Handwerksbetriebe in Baden-Württemberg sind bereits genossenschaftlich organisiert.

Der Gesamtumsatz aller 307 gewerblichen Genossenschaften in Baden-Württemberg legte um 2,9 Prozent auf 4,89 Milliarden Euro zu. Die gewerblichen Genossenschaften decken fast die gesamte wirtschaftliche Bandbreite ab – vom Kinderarzt über Handelsgenossenschaften, Kooperationen aus dem Handwerk, Energiegenossenschaften und Dorfläden bis hin zu Kaminbauern, Softwareschmieden und Beratern. Die Zahl der Mitglieder im gewerblichen Bereich stieg im vergangenen Jahr um 4.160 auf fast 73.800. Nahezu zwei Drittel des Umsatzes in der Gruppe der gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften entfallen auf die 13 Genossenschaften des Fachhandels (darunter Intersport und Euronics). Sie verzeichneten einen Umsatzanstieg um 2,8 Prozent auf gut 3,15 Milliarden Euro. Die 150 Energiegenossenschaften erwirtschafteten 2018 einen Umsatz von 332 Millionen Euro, was einem deutlichen Plus von 9,7 Prozent entspricht. Hinter den Energiegenossenschaften stehen 34.900 Einzelmitglieder. Der BWGV sieht für Energiegenossenschaften besonders in den Bereichen Nahwärme, Mieterstrommodelle, Elektro-Mobilität und bei Kooperationen untereinander sowie mit Kommunen oder Stadtwerken noch erhebliches Potenzial.

Landwirtschaft: Stabile Umsätze in herausfordernden Zeiten

Die 320 landwirtschaftlichen Genossenschaften in Baden-Württemberg haben 2018 einen Umsatzrückgang von 0,2 Prozent auf 3,53 Milliarden Euro verzeichnet. Zuwächse gab es in der allgemeinen Warenwirtschaft und in der Milchwirtschaft. Rückgänge waren beim Wein sowie bei Obst, Gemüse und Blumen zu verzeichnen. Einen deutlichen Umsatzrückgang um 10,3 Prozent auf 401 Millionen Euro musste die Viehwirtschaft verkraften. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Strukturwandels verringerte sich die Zahl der Mitglieder bei landwirtschaftlichen Genossenschaften um 3.150 auf 98.550. In der allgemeinen Warenwirtschaft stiegen die Erlöse der 43 Genossenschaften (inklusive des Warengeschäfts der Genossenschaftsbanken) um 4,0 Prozent auf 1,11 Milliarden Euro. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften haben 2018 rund 534.000 Tonnen Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und andere Feldfrüchte erfasst. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Die ZG Raiffeisen sowie die Bezugs- und Absatzgenossenschaften (BAG) bringen das Getreide der Landwirte an den Markt, bündeln für diese den Einkauf von Futter- und Düngemitteln und verkaufen Maschinen, Heizöl und Kraftstoffe. Die Genossenschaften unterstützen ihre Mitglieder mit Preisabsicherungsmodellen, die für die Landwirte in einer zunehmend volatilen Situation Risiken begrenzen helfen. „Genossenschaften sind in sämtlichen landwirtschaftlichen Sparten geradezu existenziell wichtig“, betont Glaser. Die Umsätze der 21 Obst-, Gemüse- und Gartenbau-Genossenschaften haben sich im Jahr 2018 um 3,3 Prozent auf 439 Millionen Euro verringert.

Mit Blick auf die noch auszugestaltende Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union nach 2020 hält es der BWGV für ausgesprochen wichtig, die kleinen und mittleren Betriebe weiter zu stärken und die Förderung von Junglandwirten auszubauen, um so den Strukturwandel in der Landwirtschaft verträglich gestalten zu können. Des Weiteren müssen die von europäischen Vertretern selbst als Erfolgsmodell bezeichneten Erzeugerorganisationen wie die eingetragenen Genossenschaften als Kooperationsform zwischen kleinen und mittleren Betrieben weiter gestärkt werden. Dafür macht sich der BWGV intensiv in der Interessenvertretung stark.

Selbstorganisation in der Wald- und Forstwirtschaft stärken

Ebenfalls eine große Bedeutung nehmen Genossenschaften in der mittelständisch geprägten Wald- und Forstwirtschaft ein. Bei der derzeit diskutierten Neuorganisation der Forstverwaltung durch das Land Baden-Württemberg ist es für den BWGV wichtig, dass verlässliche Wettbewerbsbedingungen gewährleistet werden. „Die bestehenden Strukturen der Selbstorganisation in der Wald- und Forstwirtschaft dürfen nicht gefährdet oder behindert werden“, fordert Glaser. Vielmehr müssten Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Intensivierung der Zusammenarbeit von unterschiedlichen Waldbesitzarten geschaffen werden. Die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft hat sich bei der gemeinsamen Bewirtschaftung von Privat- und Kommunalwäldern bewährt, so Glaser. In Baden-Württemberg gibt es zwölf Wald- und Forstgenossenschaften, die rund 7.700 Mitglieder haben und einen Umsatz von 59 Millionen Euro erwirtschaften.

Molkereien und Milcherzeuger können auf ein solides Jahr zurückschauen: Die Umsätze der sechs genossenschaftlichen milchverarbeitenden Betriebe in Baden-Württemberg stiegen 2018 um 3,9 Prozent auf 823 Millionen Euro. Die Milchanlieferungen im Südwesten lagen mit insgesamt 2,34 Millionen Tonnen in Summe auf dem Niveau des Vorjahres. Unterdessen betont BWGV-Präsident Glaser die enorme Bedeutung der Genossenschaften in der Milchwirtschaft: „Sie sorgen für Berechenbarkeit – ganz besonders in Krisenzeiten, wie sie 2015 und 2016 herrschten.“

Weinlese 2018: Hervorragende Qualität und große Mengen

Die Weinlese 2018 brachte sowohl in Baden als auch in Württemberg eine hervorragende Qualität, die Mengen waren wegen des Spitzensommers ebenfalls deutlich überdurchschnittlich. 2018 haben die 111 Winzer- und Weingärtnergenossenschaften 194,1 Millionen Liter Most eingelagert. Das sind 63,2 Millionen Liter beziehungsweise 48 Prozent mehr als 2017. Der Absatz von Wein und Sekt stieg 2018 um 3,0 Prozent auf 159,8 Millionen Liter. Der Umsatz der genossenschaftlichen Weinwirtschaft im Südwesten verringerte sich im gleichen Zeitraum um 4,6 Millionen Euro (knapp 1 Prozent) auf 479 Millionen Euro. Die selbstvermarktenden badischen Winzergenossenschaften haben aus der Lese 2018 insgesamt 110,2 Millionen Liter Most eingelagert. Gegenüber 2017 wurden 37,8 Millionen Liter oder 52 Prozent mehr erfasst. 2018 haben die Winzergenossenschaften insgesamt 89,2 Millionen Liter (plus 3,4 Millionen Liter beziehungsweise 3,9 Prozent) Wein und Sekt verkauft. Der Umsatz sank um 6,9 Millionen Euro beziehungsweise 2,6 Prozent auf 261,9 Millionen Euro. Die selbstvermarktenden württembergischen Weingärtnergenossenschaften haben aus der Lese 2018 insgesamt 83,9 Millionen Liter Most erfasst. Gegenüber der Vorjahresernte wurden 25,5 Millionen Liter oder 43,7 Prozent mehr in die Keller eingebracht. Von den Weingärtnergenossenschaften wurden 2018 rund 70,6 Millionen Liter Wein und Sekt (plus 1,3 Millionen Liter beziehungsweise 1,9 Prozent) im Wert von 217,1 Millionen Euro abgesetzt. Das sind 2,3 Millionen Euro (1,1 Prozent) mehr als im Vorjahr. „Gutes Personal sowie engagierte Mitglieder zu gewinnen und dauerhaft an die Genossenschaft zu binden, ist eine zentrale Zukunftsherausforderung“, erläutert Dr. Ansgar Horsthemke, Generalbevollmächtigter und Bereichsleiter Beratung Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften beim BWGV. Der Verband steht seinen Genossenschaften als strategischer Partner beratend und unterstützend zur Seite.

Die traditionsreiche und vielfach bewährte Rechts- und Unternehmensform der eigetragenen Genossenschaft (eG) verbindet seit weit mehr als 150 Jahren wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Genossenschaftsmitglieder in Baden-Württemberg um rund 500.000 auf mehr als 3,94 Millionen angewachsen. Ursache dieser Entwicklung sind viele Neugründungen von Genossenschaften. Zudem werden immer mehr Menschen bewusst Mitglied bei ihrer Volksbank oder Raiffeisenbank. In keinem anderen Bundesland ist die Mitgliederdichte so hoch. Auch gab es im Südwesten noch nie so viele unterschiedliche Genossenschaften wie heute. Die aktuell 798 Unternehmen in der Rechtsform der eG verteilen sich auf rund 50 Branchen. In den vergangenen zehn Jahren sind allein in Baden-Württemberg 270 neue Genossenschaften gegründet worden. 32.682 Menschen (Ware: 10.748, Banken: 21.934) arbeiten für genossenschaftliche Unternehmen. Zudem bilden die Genossenschaften fast 2.500 junge Menschen aus (Ware: 606, Banken: 1.886).

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